Namen & Neues

Irrsinn der Woche: Uferweg einfach mit Zäunen abgeriegelt

Veröffentlicht am 14.05.2019 von André Görke

Der Irrsinn der Woche spielte in Kladow, tief im Süden von Berlin-Spandau: Zwei Gitterzäune versperrten jetzt den schönsten Spazierweg Berlins – hier finden Sie unsere Tagesspiegel-Fotos vom Sonntag. Es geht ums Ernst-Liesegang-Ufer am Breitehorn: Links Lauben-Idyll, rechts die Havel. Herrlich! Doch am Freitag, 9 Uhr, wurde dieser Weg auf 200 Meter Länge zwischen Restaurant und DRK-Wasserrettung einfach gesperrt – ohne Info, nüscht, aus die Maus. „Was soll der Quatsch?!“, schimpften mehrere Leser und schrieben an den Spandau-Newsletter. Radfahrer, Familien und Fußgänger starrten am sonnigen Sonntag auf den Zaun („Sollen wir da jetzt rüberklettern?“). Die Rettungsschwimmer vor Ort hoben achselzuckend die Schultern („Uns hat keiner was gesagt.“).

„Die Handwerker kamen am Freitag“, erzählte uns Michael Wegener, 33, der dort mit David Müller das neue Lokal „Salt & Sugar“ direkt am Spazierweg betreibt (früher „Seeblick“, „Hüftgold“). „Es geht um unsere Existenz. Ohne den Spazierweg brechen uns die allermeisten Gäste weg. Und da sagt niemand vorher etwas?“ Besonders bitter: Die beiden haben das Ausflugslokal am Fluss erst vor einem Monat eröffnet – am 19. April. Spezialität: Berliner Gerichte wie Rinderroulade oder Kartoffelsuppe, „alles selbst  gemacht, keine Tütenware“, sagte Wegener, der hier der Koch ist. Er kommt aus Köpenick, kennt aber die Gegend: „Ich wohne in Spandau, habe vorher im Gutshaus Neu-Kladow gearbeitet“. Aber so eine Geschichte hat er auch noch nicht erlebt. Anruf im Büro von Stadtrat Frank Bewig, CDU. Dort hieß es am Montagmorgen auf unsere Anfrage: „Wir klären das gerade.“

Posse zum Zaun: Die Spur führt nach Bonn. Dort sitzt die Bima, Kurzform für: „Bundesanstalt für Immobilienaufgaben“. Am Sonntag stellten wir deshalb dort eine Anfrage. Der Weg ist schon lange ein Sanierungsfall und seit 2017 im Newsletter Dauer-Thema. Das Ufer ist abgesackt und holprig, Wasser schwappt auf die Steine, im Winter ist es glatt. Sanierungskosten: angeblich 1 Mio Euro. Die Bima wollte das Ufer dem Bezirk vermachen, doch der lehnte dankend ab. Zwischenzeitlich hatte Bundespolitiker Swen Schulz, SPD, gemeckert: „Mir ist es als Bürger schnurzpiepegal, welche Behörde jetzt zuständig ist: Ich erwarte, dass der Weg begehbar bleibt!“ Am Montagnachmittag kam dann endlich Klarheit in die Sache. Alles ein saublödes Missverständnis: Das sollte eigentlich ein mobiler Zaun sein, falls im Winter mal wieder der Weg vereist ist und das Ufer gesperrt werden muss. Blöderweise verrutschten die Handwerker im Terminkalender – und bauten den Winterschutz kurz vorm Hochsommer ein (und überlasen das Wörtchen ‚mobil‘). Eigentlich hätten sie das schon im Herbst machen sollen. Kurzum: Der Zaun wurde am Montagnachmittag wieder abgebaut, die Gitter eingelagert, nur die Pfosten blieben stehen. Es kommentiert Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt in seinem neuen „Checkpoint“: „Das Brett vorm Kopf kann auch aus Metall sein.“ Neu-Gastronom Michael Wegener ist jedenfalls wieder happy: „Himmelfahrt und Pfingsten können kommen.“

Halt, eine Frage noch: Und wer repariert jetzt den Weg? Gar keiner. Denn am Montagabend bekamen wir Post aus der Bima-Zentrale in Bonn, von Behördensprecher Thorsten Grützner, den wir seit 2017 nerven. In seinem Brief heißt es: „Wir haben eine Machbarkeitsstudie zum Privatweg an der Havel in Auftrag gegeben und deren Ergebnis mit Bezirk und dem Land diskutiert.“ Alle seien sich einig: Die Ertüchtigung dieses Privatweges im Hochwasserschutzgebiet ist „mit unkalkulierbaren Kosten- und Genehmigungsrisiken verbunden“. Und daher: „Eine umfassende Ertüchtigung dieses Weges wird weder von der Bima weiter verfolgt noch von den Landesbehörden als sinnvoll erachtet.“ Schlusswort: „Die Bima wird daher weiterhin nur Reparaturarbeiten durchführen und in den Wintermonaten bei Glättegefahr zum Schutz von Leib und Leben den Teilbereich zwischen der Wasserrettungsstation und dem Café für den Durchgang sperren.“ Der neue Havelradweg sei eine gute Umfahrungsmöglichkeit. Na, das nennt man dann wohl Schlusskapitel in dieser Endlos-Geschichte. André Görke
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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Spandau entnommen. Den Newsletter schicken wir Ihnen einmal pro Woche zu, kompakt per Mail. Den Spandau-Newsletter können Sie unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de.

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