Namen & Neues

"In der Kirche geweint": Der Mauerfall, Friedrichshain und Spandau

Veröffentlicht am 05.11.2019 von André Görke

„In der Kirche geweint“: Der Mauerfall, Friedrichshain und Spandau. Die rührendste Berliner Mauerfall-Geschichte erzählte mir ein Spandauer Pfarrer. Sein Name: Christian Moest. Er ist 69 Jahre alt, wohnt in Tempelhof und ist Leser des Spandau-Newsletters. Moest war von 1980 bis 1994 Pfarrer der Zufluchtskirche im Falkenhagener Feld. „Am 10. November feierten wir Kindergottesdienst. Draußen war ein Markt aufgebaut, wie jeden Freitag. Drinnen hatten wir gerade in der Kirche begonnen und sangen das Lied: ‚Lasst uns gehen in unser Land, wo keiner Angst hat vor den andern! Ist nicht weit das schöne Land, wo keiner Angst hat vor den andern.‘ Da öffnete sich hinten die Kirchentür und die Kinder aus unserer Partnergemeinde in Friedrichshain kamen herein. Mit so viel Inbrunst haben wir selten gesungen. An diesem Tag haben viele in der Kirche eine Träne verdrückt.“

Schöne Grüße nach Friedrichshain! Spandaus Kontakte nach Ost-Berlin. Pfarrer Moest erinnert sich: „Vor dem Mauerfall hatte jeder Kirchenkreis in West-Berlin einen Partnerkirchenkreis in Ost-Berlin. Für Spandau war es Friedrichshain. Das wurde zugeteilt. Wir hatten mit der Samaritergemeinde eine Friedenspartnerschaft geschlossen, an der auch Gemeinden aus Holland, Schweden, Norwegen, den USA und der BRD beteiligt waren.“ Gab’s Treffen? Klar. Die Kirchenleute fuhren mit der U-Bahn zur Kontrollstelle im Bahnhof Friedrichstraße, betraten mit dem ‚Tagesschein‘ die DDR und kamen abends aus Ost-Berlin zurück. Geschlafen wurde bei Gemeindemitgliedern im Falkenhagener Feld. Allerdings hatten einige Spandauer Einreiseverbot in die DDR – auch Pfarrer Moest.

„Dreieinhalb Jahre durfte ich nicht nach Ost-Berlin“, sagt Pfarrer Moest heute. Der Grund? „Hat mir nie einer gesagt, aber ich ahne es.“ Moest stand in engem Kontakt mit Rainer Eppelmann. Der war Staatsfeind in der DDR, Oppositioneller – und Pfarrer der befreundeten Samaritergemeinde in Friedrichshain. Mehr deutsch-deutsche Geschichte aus unserem kleinen Spandau geht nicht.  – Text: André Görke

  • Mein Lesetipp: „Meine Erinnerungen an den Mauerfall“ – Für den Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel habe ich mich mit Spandaus Bürgermeister Helmut Kleebank, SPD, unterhalten. Er erinnert sich an Trabis in Wedding, seine Fußballerzeit und Reisen in die DDR. Hier das Tagesspiegel-Newsletter-Gespräch.

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