Namen & Neues
Bei Karstadt brennt weiter Licht: So reagiert Spandau
Veröffentlicht am 23.06.2020 von André Görke

Karstadt bleibt Berlin-Spandau erhalten. Überall hörte ich dieses tiefe Durchatmen: „Puuuh“. Im Kaufhaus, diesem wuchtigen Klotz in der Fußgängerzone (Baujahr: 1965), brennt weiter Licht. Das Aus hat sechs andere Berliner Kaufhäuser getroffen – auch in unserer Nachbarschaft in Potsdam und in der Wilmersdorfer Straße. Stellen Sie sich die Altstadt mit einem geschlossenen Kaufhaus vor. Ohne Licht und ohne Leben. Mit dunklen Schaufenstern und verrammelten Türen in der Fußgängerzone – für wie viele Jahre? Für immer?
Chefin bei Karstadt in Spandau ist Gudrun Röpke. 110 Mitarbeiter stehen bei ihr unter Vertrag plus all die Menschen in den eingemieteten Filialen. Aber die Folgen wären größer gewesen: Man mag Karstadt oll, doof, ungelenk und nicht so bequem finden wie den DHL-Transporter mit der Amazon-Ware am Gartenzaun. Aber eine Altstadt mit einem leerstehenden Kaufhaus in der Mitte kann sich niemand ernsthaft wünschen.
Karstadt in der Altstadt ist eine Legende. Nicht nur, weil hier „Ärzte“-Schlagzeuger Bela B. einst seine Ausbildung zum Dekorateur begann (und dann doch lieber bei Ralf Rachner im „Musicland“ auf der Couch rumlümmelte). 1965 wurde Karstadt eröffnet: Damals rollten noch Autos durch die Straße. In den 90er Jahren wurde die Fassade erneuert. Das Aus im Sommer 2020 konnte jetzt abgewendet werden. Hier die Reaktionen, die beim Spandau-Newsletter eintrafen.

„Eine Altstadt ohne Karstadt ist kaum vorstellbar“, schrieb mir Frank Bewig, CDU. Als Baustadtrat will er ja gerade die Altstadt aufmöbeln – da hätte ein geschlossenes Kaufhaus schwer geschadet. „Ich hoffe für die Beschäftigten, aber auch für den Bezirk, dass dies langfristig so bleibt. Karstadt ist ein wesentlicher Anziehungspunkt, der Kunden ins Spandauer Zentrum zum Einkaufen und zum Verweilen lockt und somit auch den gesamten Einzelhandel und große Teile der Dienstleister stärkt. In Zeiten von Online-Handel möchte ich die Spandauerinnen und Spandauer bei dieser Gelegenheit ermuntern, das Beratungsangebot und das eigentliche Einkaufserlebnis wieder mehr schätzen zu lernen. Mit der Neugestaltung der Fußgängerzone in den nächsten Jahren wollen wir als Bezirk unseren Teil dazu beitragen, dass die Altstadt noch attraktiver und die Aufenthaltsqualität deutlich erhöht wird.“ An der Kirche St. Nikolai beginnt jetzt Woche die Modernisierung der Fußgängerzone.

„Ohne Karstadt würde die Altstadt noch weiter an Attraktivität verlieren und könnte gänzlich veröden.“ Das fürchtet Lars Leschewitz, Fraktionschef der Linken in Spandau. Daher: „Ich bin froh, dass das Haus in Spandau offenbar bestehen bleibt. Das ist zuerst eine gute Nachricht für die Beschäftigten von Karstadt, aber auch die Spandauerinnen und Spandau können sich freuen.“ Allerdings: „Ich befürchte, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Der Kahlschlag, den die Eigentümer durch Berlin und die Republik ziehen, wird nicht dauerhaft vor Spandau Halt machen. Die Probleme der Kaufhauskette sind das Ergebnis von jahrelanger Misswirtschaft und Fehlmanagement der Eigentümer. Nun soll der Konzern unter dem Coronaschutzschirm auf Kosten der Beschäftigten saniert werden. Es scheint, die Signa-Gruppe und Haupteigner Benko wollten Gewinne nicht aus dem Betrieb der Kaufhäuser, sondern aus den Mietzahlungen erzielen. Es ging von Anfang an wohl nur um die Verwertung der Immobilien in bester Innenstadtlage.“
„Bei Karstadt – früher Hertie – habe ich meine ersten eigenen Weihnachtseinkäufe als Grundschüler erledigt, meinen ersten Lamy-Füller für die Oberschule gekauft. Ja, und im Reisebüro im Erdgeschoss vor mehr als 20 Jahren die erste Reise mit meiner heutigen Ehefrau gebucht“, erinnert sich Heiko Melzer, 44. Er ist Staakener und Vize-Kreischef der CDU. „Karstadt hat sich verändert, aber bis heute ist es für mich ein selbstverständlicher Teil jedes Altstadtbesuchs. Es gehört zu Spandau wie die Havel, die Zitadelle und Florida Eis. Im Herzen der Altstadt bleibt ein attraktives Kaufhaus bestehen. Woanders wird ein Stück Stadt aus deren Mitte gerissen. Das tut richtig weh und ist ein schwerer Schlag für die Beschäftigten, für ihre Kunden und das Stadtleben.“ Sein Appell: „Lasst uns gemeinsam und trotz Online-Shoppings dafür sorgen, dass es auch den Geschäften in der Fußgängerzone und unseren Kiezen gut geht.“

„Hertie bleibt Karstadt bleibt Galeria Kaufhof Karstadt… egal: Super, es bleibt!“ So reagierte Patrick Sellerie, als ich ihn in der Altstadt ansprach. Sellerie ist Chef der Wirtschaftsförderung im Rathaus – und voll des Lobes für Spandaus Karstadt-Chefin Gudrun Röpke: „Sie bringt sich prima in den Standort und die Gemeinschaft ein. Mit den ersten Meldungen zum Konzern stand ich mit ihr in Verbindung, um gegebenenfalls zu stützen/flankieren und vor allem gemeinsam zu hoffen. Gerade hab ich sie beglückwünscht. Die Entscheidung hilft den Gewerbetreibenden in der Altstadt, den Mut zu behalten. Helfen können alle – und das nicht nur Karstadt. Es gilt mehr denn je: Lassen Sie uns gemeinsam den Einzelhandel und unsere Gastronomen unterstützen und den Handwerker aus dem Kiez beauftragen, damit wir sie auch morgen noch antreffen.“
„Eine Schließung des Spandauer Standortes hätte eine verheerende Wirkung auf die Vielfalt des in der gut zugänglichen Fußgänger*innenzone gelegenen Einzelhandels in unserem Bezirk“, schreiben mir Gollaleh Ahmadi und Oliver Gellert. Sie bilden die Fraktionsspitze des Grünen im Rathaus. „Wir bedauern die Nachrichten des Warenhauskonzerns Galeria Karstadt Kaufhof vom letzten Freitag und hoffen, dass für die vielen betroffenen Mitarbeiter*innen eine Lösung gefunden wird, die sie vor der drohenden Arbeitslosigkeit bewahrt. Mit Blick auf Spandau sind wir froh, dass der Konzern offenbar entschieden hat, das Haus in der Altstadt zu erhalten. Dies zeigt, dass der Standort gut angenommen wird.“

Auch der Bürgermeister meldete sich. „Ich freue mich, dass unser Karstadt in Spandau nicht zur Schließung ansteht“, sagte mir Helmut Kleebank, SPD. „Allerdings bin ich davon ausgegangen, dass dieser Standort nach wie vor eine große Akzeptanz bei den Spandauer/innen hat und wirtschaftlich zumindest relativ gut da steht.“
Den Blick nach vorn richtet auch die FDP. „Dass Karstadt in Spandau verbleibt, freut mich außerordentlich“, schreibt mir Fraktionschef Matthias Unger. „In Anbetracht der Tatsache, dass das ehemalige Postgelände auch bebaut wird, ist es eine kluge und weitreichende Entscheidung des Konzerns und gut für den Bezirk. Denn eines darf man nicht vergessen: Wir wachsen um 35.000 Einwohner und das ist sicherlich auch dem Konzern bekannt. Die Kaufkraft sollte steigen. Und das gesamte Areal der Altstadt, des Postgeländes bis zu den Arcaden sollten profitieren. Karstadt Spandau hat meiner Einschätzung nach auch in den letzten Jahren immer schwarze Zahlen geschrieben. Insgesamt ein wirklich guter Tag für Spandau und natürlich insbesondere für die Beschäftigten.“

Erinnert sei hier an das Kaufhaus in Berlin-Siemensstadt. Ein anderes traditionsreiches Kaufhaus wurde in Spandau übrigens 1997 geschlossen: „Hertie“ mit über 100 Angestellten in Siemensstadt. Bis heute trauern viele diesem Standort nach, weil sie mit dem neuen Angebot nicht wirklich glücklich werden. – Text: André Görke
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