Namen & Neues

Kita "Taka-Tuka-Land" muss weg - und der Bezirk kann nichts dagegen machen

Veröffentlicht am 30.06.2020 von Robert Klages

Valentin (Name geändert), 16 Monate alt, ist seit Anfang des Jahres Kita-Kind im „Taka-Tuka-Land“ am Maselakepark. Die Atmosphäre dort sei „familiär, freundlich, unkompliziert, herzlich“, schreibt seine Mutter dem Tagesspiegel. Die Eltern erreichte allerdings die Nachricht, dass die Kita am Jahresende schließen muss. Die Eltern sind besorgt – und haben vor der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) demonstriert. „Wir möchten für den Erhalt unserer schönen Kita kämpfen! Schon aus Prinzip“, schreibt uns die Mutter von Valentin.

„Nach unserer Information wurde das gesamte Areal bereits vor Jahren vom Bezirk an einen Investor verkauft“, schreibt die Elternvertretung in einer Rundmail. „Die zuständige bezirkliche Abteilung habe damals nicht berücksichtigt, dass auf dem Gelände eine Kindertagesstätte betrieben wird.“ Die Information stammt aus einem Schreiben der Geschäftsführung von „Orte für Kinder“, die das „Taka-Tuka-Land“ betreibt. „Die zuständige bezirkliche Abteilung berücksichtigte damals nicht, dass auf dem Gelände eine Kindertagesstätte betrieben wird“, heißt es hier wörtlich.

Das Bezirksamt teilte auf Nachfrage mit, dass dies nicht richtig sei. „Das Bezirksamt hat das Grundstück mitnichten verkauft, es hat dem Bezirksamt auch vor dem aktuellen Besitzerwechsel nicht gehört“, schreibt ein Mitarbeiter. Mehr könne man derzeit zu dem Thema nicht mitteilen. Auf meine erneute Nachfrage hieß es, die Besitzerwechsel seien zwischen privaten Eigentümern erfolgt. Der Kitabetreiber „Orte für Kinder“ schrieb, man habe die Information von dem ehemaligen Besitzer, der habe angegeben, das Areal vom Bezirk gekauft zu haben.

Das eigentliche Ärgernis sei ohnehin etwas anderes, sagt Christian Hubert von der Geschäftsführung von „Orte für Kinder“: Als der Bezirk mit dem Investor einen Vertrag ausgehandelt hat, wurde der Erhalt der bestehenden 75 Kitaplätze im „Taka-Tuka-Land“ nicht berücksichtigt. In dem Vertrag werden die Schaffung von Kita- und Schulplätzen festgeschrieben, nicht der Erhalt der vor Ort vorhandenen Kitaplätze. „Man hätte einen anderen Vertrag aufsetzen können, der den Erhalt unserer Plätze berücksichtigt“, findet Hubert.

Man habe Verhandlungen mit dem damaligen Eigentümer geführt, das Grundstück zu kaufen. Im Januar 2019 sei man bereits sehr weit gewesen, kurz vor Vertragsunterschrift. Doch die Eigentümergruppe aus Stuttgart verkaufte das Areal wenig später an einen anderen Investor. Auch mit dem neuen Eigentümer gab es Verhandlungen.

Doch es kam zu keiner Einigung, es ging dabei ums Geld: Man könne nicht zahlen, was der Investor an Miete bekommen möchte, schreibt „Orte für Kinder“. Den Mietvertrag, den der Investor nun zugeschickt habe (kurz vor Ostern), könne man nicht annehmen, da er „weit über unseren finanziellen Möglichkeiten liegt“. Der Investor habe 11,49 Euro pro Quadratmeter verlangt, bei einer jährlichen Steigerung von zwei Prozent. „Orte für Kinder“ war bereit, bis zu acht Euro zu zahlen. Der Investor, es handelt sich wohl um die „Kauri CAB Group“, reagierte bisher nicht auf eine Anfrage.

Laut des geschlossenen städtebaulichen Vertrages mit dem Bezirksamt ist der Grundstückseigentümer dazu verpflichtet, 102 Kitaplätze auf dem Gelände zu schaffen – mit welchem Kitaträger er dies unternimmt, steht ihm allerdings frei.

Für Hubert ein grundsätzliches Problem in ganz Berlin: „Investoren werden verpflichtet, Kitaplätze zu bauen, die dann aber durch die Träger gemietet werden sollen. Wirtschaftlich agierende Träger können diese Mieten nicht bezahlen, wenn sie nicht gleichzeitig an den Gehältern ihrer Mitarbeiter Kürzungen vornehmen.“

Die Kita schrieb den Eltern bereits, dass die Kinder in anderen Kitas des Betreibers unterkommen könnten. Doch für viele Eltern bedeutet das einen weiteren Weg. „Nicht jeder kann quer durch Spandau fahren, um seine Kinder in den Ersatz-Kitas unterzubringen. Auch für uns persönlich kommt leider nur eine fußläufige Kita infrage“, sagt die Mutter von Valentin.

Auf der BVV Spandau teilte das Bezirksamt den Eltern mit, dass man da leider nichts machen könne. „Es ist tatsächlich sehr unglücklich, ich freu mich darüber auch nicht“, sagte Bezirksstadtrat Frank Bewig (CDU). „Wir wollen auf den Eigentümer einwirken, aber planungsrechtlich können wir an dieser Stelle nichts machen.“ Das heißt, das Bezirksamt könne den Bebauungsplan nicht weiter anpassen und die Kita „Taka-Tuka-Land“ in diesem festsetzen. (Das hätte man, wenn gewollt und möglich, bei Festsetzung des Vertrages einbringen müssen.) „Wenn wir Derartiges jetzt machen würden, würden Schadensersatzklagen auf uns eintreffen“, ist sich Bewig sicher. Zudem sei das Projekt des Investors gut für Spandau:

„Hier entsteht ein Projekt mit vielen Wohnungen, das brauchen wir. Das Projekt ist eh gebeutelt, es dauert alles sehr lange. Mehr kann ich an dieser Stelle nicht zusagen, als alle meine Kanäle zu nutzen, um hier auf den Investor einzuwirken.“

Der Investor möchte gerne zwei Kitas auf dem Gelände errichten, teilte Stadtrat Stephan Machulik (SPD) mit. „Und er möchte diese neu bauen. Und beide sollen in einer Hand sein. Also nur ein Kitaträger für zwei Kitas.“ Das sei mit dem „Taka-Tuka-Land“ nicht möglich. „Es ist seine unternehmerische Entscheidung, welchen Kitaträger er nimmt. Die Verhandlungen mit dem Taka-Tuka-Land waren wohl schwierig.“ Auch er werde alles versuchen, um der Kita zu helfen.

Der Investor hat dem „Taka-Tuka-Land“ nun eine Frist bis März 2021 gegeben, die Kita zu räumen. 50 Kinder müssen bis dahin in andere Kitas untergebracht werden, dann muss der Kita-Betreiber selbst für den Abriss der Kita sorgen. „Ich hätte mir da mehr Unterstützung vom Bezirk gewünscht“, sagt Hubert. „Wir sind unter Zeitdruck geraten, die Plätze für die verbleibenden Kinder zu schaffen. Ob die Kinder nahtlos übernommen werden können, ist noch fraglich.“ Die Erzieherinnen und Erzieher des „Taka-Tuka-Lands“ werden in anderen Kitas des Betreibers weiterarbeiten können.

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