Kiezgespräch

Veröffentlicht am 29.01.2019 von André Görke

Eine Berliner Kiez-Berühmtheit hört auf. Die Rede ist von Jutta Neumann, 74, aus Kladow im Bezirk Berlin-Spandau. Sie hat an der Sakrower Landstraße einen legendären Laden im Keller ihres Wohnhauses und deckte dort über 30 Jahre Kinder mit Gummischlangen und Füllern ein. Hier das Abschiedsgespräch im Spandau-Newsletter.

Frau Neumann, Frau Neumann, was hören wir da gerade? Sie hören auf?
Ja, ist schade, stimmt aber.

Warum denn das?
Ich bin jetzt 74, mein Mann auch, das Haus ist bezahlt, die Kinder sind groß. Wissen Sie, ich habe den Laden seit 1986 hier unten im Keller. Ich bin eigentlich Finanzbuchhalterin, und als wir in den 80ern in Kladow gebaut haben, fragte ich mich: Gehst du zur Sparkasse in West-Berlin oder machst du einen Schreibwarenladen auf und verkaufst Süßigkeiten.

Süßigkeiten natürlich! Deshalb kennt Sie jedes Kind in Kladow.
Das waren 30 tolle Jahre. Wir hatten früher sogar ein Shetlandpony im Garten, das war vielleicht eine Attraktion in Kladow! Aber das Geschäft ist leider ein anderes geworden: Es macht keinen Spaß mehr, es geht alles nur noch online – aber damit bin ich nicht alleine. Keiner verschickt mehr Grußkarten, keiner bestellt Kalender, das ist vorbei. Und auch die Kladower sind andere geworden: Die fahren morgens rein in die Stadt und kommen abends wieder raus. Viele wissen gar nicht, wie viele alte Läden es in ihrem Dorf gibt.

Gab es den entscheidenden Moment?
Das kam schleichend, seit zwei Jahren. Aber eine Geschichte hat mich leider getroffen.  Eines Tages kam eine Frau zu mir runter in den Laden. Sie testete mit ihrem Kind den Füller für die Schule, wie der so in der Hand liegt, verabschiedete sich ganz lieb und ging raus. Sie kam nie wieder. Der Sohn besuchte mich später: „Mama hat den Füller vier Euro billiger im Internet gefunden – aber die Patronen kaufe ich bei dir!“ Das war ganz lieb von dem Jungen, aber von einer Patrone kann ich meinen Strom, meine Heizung, das Geld für die Handelskammer und die Krankenversicherung nicht bezahlen. 35 Euro waren es zum Schluss, pro Tag! Und dafür standen mein Mann und ich von früh bis spät im Laden.

Gibt es ein Abschlussfest?
Wir  machen jetzt erstmal Schluss-Inventur …

… eine Inventur im Süßigkeitenladen?!
Naja, wir sortieren aus, schicken vieles an die Firmen zurück. Das soll nicht alles auf dem Müll landen. Wäre doch schade, oder?

Dann klopfen wir unten vielleicht mal im Keller … was machen Sie eigentlich danach?
Vielleicht mit dem Wohnwagen herumfahren. Das haben wir mal vier Wochen lang gemacht – Gardasee, Frankreich, das war schön mit meinem Mann.

2012 haben Sie beide den Untergang der Costa Concordia überlebt, als das Schiff vor der Küste im Meer gesunken ist.
Es ist wirklich jammerschade, wir haben Kreuzfahrten geliebt. Aber seit jenem Tag trauen wir uns leider nicht mehr auf ein Schiff. – Interview: André Görke

  • Diesen Text haben wir dem neuen Spandau-Newsletter des Tagesspiegel entnommen. Komplett und kostenlos einmal pro Woche lesen – ganz einfach hier leute.tagesspiegel.de
  • Viele Fotos von Leserinnen und Lesern des Newsletters aus Kladow zeigen wir Ihnen unter diesem Tagesspiegel-Link.