Kiezgespräch

Veröffentlicht am 04.08.2020 von André Görke

Ferienlektüre zu Berlins beliebtester BVG-Fähre. Die Fähre über den Wannsee wird am heißen Wochenende bestimmt wieder überfüllt sein mit Tagestouristen aus der Innenstadt. Verkehrssenatorin Regine Günther, Grüne, sieht keinen Bedarf für ein zweites BVG-Schiff zwischen Wannsee und Kladow. Der Stundentakt reiche aus. Seit wann ist das eigentlich so? Hier habe ich ein Fundstück zur Historie dieser BVG-Linie aus dem Tagesspiegel-Archiv für Sie gefischt. Das Lesestück erschien 1962 im Tagesspiegel.

  • „Die BVG-Personenschiffahrt ist im Sommer eine heitere Angelegenheit und ein Kind der Not. Als während des Krieges die BVG immer mehr Autobusse verlor, musste im Juni 1944 auch die Linie A34 nach Kladow eingestellt werden. Als Ersatz richtete man einen Schiffsdienst ein.
  • Eine Dampferlinie führte von der Stößenseebrücke über mehrere Haltestellen nach Kladow, eine zweite von Kladow zum Bahnhof Wannsee. Sechs Dampfer hatten damals Dienst. Sonntags waren es nur zwei, denn die Schiffe dienten ja nicht dem Vergnügen, sie brachten ihre Fahrgäste zur Arbeit in die Stadt und zurück nach Haus.
  • Die beiden Schiffslinien wurden bald zu einer einzigen mit einer Streckenlänge von 12,9 Kilometern vereinigt. Ende April 1945 fuhr dann kein Dampfer mehr, aber einen Monat später schon waren die Boote wieder unterwegs.
  • Im Oktober 1949, als der Autobus 34 wieder nach Kladow fuhr, verkürzte die BVG ihre Schiffslinie endgültig auf die Wannseestrecke. Und seitdem ist die Fähre die beständigste Linie der BVG: Der Fahrplan hat sich im Laufe der Jahre kaum geändert.
  • Heute verkehrt die Personenschiffahrt noch nach demselben Plan wie 1953. Einmal stündlich fährt ein Schiff; die Strecke ist 3,8 Kilometer lang, in zwanzig Minuten ist das Boot von hüben nach drüben gelangt. Die Geschwindigkeit pro Stunde beträgt also 11,4 Kilometer.
  • Straßenbahn und Autobus fahren schneller. Jedoch, so ruhig wie das Seegefährt, so ohne jedes Schlingern und Schaukeln, fahren sie nicht. Wenn der Sturm nicht gerade das Wasser zu Wellenbergen hochpustet, ist eine Seefahrt in Berlin im Gegensatz zur Autobusfahrt sehr beruhigend für die Nerven. Weniger Widrigkeiten als der Kollege am Steuerrad des Autobusses hat der Steuermann der Fähre.
  • Keine Ampel weit und breit, kein Fußgänger. Die Tücken des Verkehrs sind stark reduziert. Nur, gelegentlich heißt es: Achtung, Lastkahn von links. Und dass dort kurz vor Kladow eine Insel, das Imchen, zu umschiffen ist, muss der Kapitän nicht erst über Radar feststellen.
  • Mit Bus und Straßenbahn braucht man von Wannsee nach Kladow im günstigsten Falle 56 Minuten. Der Schaffner ist übrigens der einzige echte BVG-Mann in der Crew. Am Kragenspiegel seiner Uniform trägt er eine blecherne Straßenbahn, obwohl die Schiffahrt bei der BVG ja tarifmäßig als Autobuslinie gerechnet wird. Aber der Schaffner ist im Straßenbahnbetriebshof Charlottenburg zu Haus, daher als Emblem eine Straßenbahn.
  • Dieser Schiffsstraßenbahner ist natürlich schon ein richtiger Süßwasser-Matrose. Wie er das Tau um den Pfosten schlingt, um das Schiff fest anzubinden – nichts für gewöhnliche Straßenbahner. Und viel schwerer hat er es als die Kollegen im Bus. Wenn sie die Tür zuhaben wollen, drücken sie auf einen Knopf, und dann klappt sie zu.
  • Der BVG-Sailor aber muss erst mit Hau-ruck die Gangway auf die Anlegebrücke wuchten. Leichter ist für ihn allerdings das Kassieren im Winter. Meist ist das Schiff fast leer, auf das Oberdeck braucht der Schaffner auch nicht zu hasten, da fahren höchstens ein paar Möwen mit. Im Sommer hat er allerdings viel zu tun. Am Rekord-Tag dieses Jahres, dem 12. August, beförderte das Schiff über 2000 Fahrgäste.“

Halten wir fest: Seit 1953 hat sich nix geändert. Geschwindigkeit, Takt und Strecke – alles wie vor 70 Jahren. Nur die Rampe klappt elektrisch aus und das beliebte Oberdeck wurde wegrationalisiert. – Mehr Tweets aus der Nachkriegszeit: twitter.com/Erik_Reger – Text: André Görke
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