Für die Festtage: Der Gourmet-Tipp von Bernd Matthies

Veröffentlicht am 17.12.2019

„Hammermäßige Maultaschen“: Wenn Tagesspiegel-Legende Bernd Matthies so etwas sagt, müssen Sie sich das unbedingt merken. Der Mann schreibt seit 31 Jahren Gastro-Kritiken für den Tagesspiegel, sitzt in der Meisterköche-Jury, ist Sterne-Flüsterer. Es soll sogar Restaurants in Berlin geben, in denen sein Foto hinter der Küchentür hängt, kein Witz. Im Herbst hat es Matthies eher zufällig an den Glienicker See verschlagen, gleich hinter Kladow. Neben dem Bäcker befindet sich „Mike’s Heimatküche“ – ein schöner Restaurant-Tipp für die Feiertage oder Neujahr (oder wann auch immer Sie einen Tisch bekommen). Herr Matthies, Ihr Urteil, bitte.

„Zugegeben: Der Name deutet eher auf betont Deutsch-Bodenständiges hin, aber Küchenchef Mike Waesche hat nicht nur in Deutschland, sondern auch mehrere Jahre in Mallorca gearbeitet und betrachtet deshalb auch den mediterranen Raum als Heimat. Damit haben wir auch schon den Rahmen abgesteckt, in dem sich seine Stilistik bewegt – es ist der, wie wir gleich sehen werden, recht geglückte Versuch, eine Ausflugsküche mit gewissem Anspruch zu biete – wobei das nach Sommer klingt, obwohl es doch hier im Winter hier besonders gemütlich ist, gegebenenfalls mit Gänsebraten.

Unumgänglich sind jedenfalls die Maultaschen. Kochbuchphilologen werden einwenden, dies hier seien ja gar keine, weil kein Fleischbrät im Nudelteig ist, aber das ist mir egal. Nennen wir sie Schinken-Dim-Sum oder so, jedenfalls schmeckten sie auf einer Unterlage von makellosem schwäbischen Speck-Kartoffelsalat, mit Pfifferlingen und etwas Bratensaft abgerundet, einfach zum Tellerablecken; als Vorspeise kostet das 12,90, und wer eigens deshalb hinfährt und die doppelte Portion bestellt, der hat mein volles Verständnis. Satt und glücklich ist er dann auf jeden Fall.

Etwas weniger Begeisterung konnten wir für das recht substanzarme Krustentiersüppchen mit ein paar Krebsschwänzen aufbringen; es ist sicher auch keine so gute Idee, einen Löffel Schmand mit Dill einfach drin zu versenken. Aber es schmeckte ganz gut (8,90). Übrigens wird hier zwischen Standard- und Wochenkarte unterschieden, was immer ein ganz gutes Rezept ist in der Ausflugsgastronomie.

Fisch kommt allerdings nur in der Wochenkarte vor, und das nur mit einem Gang, das ist als Angebot ein wenig enttäuschend, auch wenn der Groß Glienicker See, nur ein paar Schritte entfernt, sicher nichts dazu beitragen kann. Also bestellten wir die Schellfischfilets mit Brokkoli, Blumenkohl und Kartoffelmousseline (22,90), sehr schön gebraten mit geschmolzener Butter oben auf dem geschmeidig-kompakten, nicht sehr mousselinigen Püree, die die nicht vorhandene Soße ganz gut ersetzte. Ob die beiden adretten Gemüse nun wirklich, wie versprochen, „wild“ waren, lassen wir mal dahingestellt. Die gelungene Garung mit schroffen Röstspuren verriet immerhin Vertrautheit mit aktuellen Kochtrends.

Auch von der Wochenkarte: Rehkeulenragout mit Pfifferlingen, Portweinbirne und Trüffel-Gnocchi – ein handwerklich sauber gemachter Klassiker, an dem allenfalls die etwas alkoholischen Birnen zu bemängeln wären. Die sehr ebenmäßigen Gnocchi sahen stark nach Convenience aus, schmeckten aber angenehm, von guter Konsistenz (26,90).

Auch bei den Desserts waltet ein gewisser Ehrgeiz, wenngleich sich die wohl knapp besetzte Küche auf Dinge konzentriert, die sich gut vorbereiten lassen. Wir probierten ein sahniges, leicht karamellisiertes Erdbeerparfait und eine Zitronentarte mit Vanilleparfait, jeweils mit frischen Him- und Brombeeren ergänzt (9,50). Die Weinkarte ist okay, was der Großhändler eben so hinlegt, um mal zu testen, was bei den Gästen ankommt – da ist sicher noch Luft nach oben.

Die Chefin Nathalie Lämmle bietet einen heiter-aufgeschlossenen Service, nach hinten raus gibt es eine nette Hofterrasse, und auch das frisch renovierte Innere des kleinen Restaurants ist ganz anheimelnd.

Ich kann einen Besuch guten Gewissens empfehlen.“

Service: Potsdamer Chaussee 12, Groß Glienicke, Tel. 033201/24 98 06, Di-Fr ab 16, Sa/So ab 13 Uhr. Bei Facebook: Mikes Heimatküche. Im Netz mikesheimatkueche.de

„So bereiten Sie eine Weihnachtsgans zu“ – mein Video-Tipp: Bernd Matthies schreibt nicht nur jede Woche die „Genuss“-Seiten im Tagesspiegel voll, er steht auch selbst in der Küche (und hat Humor). Hier zeigt er Ihnen im Tagesspiegel-Video, wie Sie eine Weihnachtsgans ohne Stress zubereiten. Mit Rotkohl, Majorankartoffeln, Serviettenknödel und Soße. Der Clou: Sternekoch Hendrik Otto kritisiert die Kritiker.

Ein Geschenke-Tipp. Der neue Berliner „Genuss Guide 2020“ vom Tagesspiegel, 500 Empfehlungen, knapp 10 Euro. Hier bei uns im Shop.

+++

Dieser Text ist im Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau erschienen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de.
+++
Meine weiteren Themen im Spandau-Newsletter – eine Auswahl

  • Wiener? Gutschein? Gesang? 20 schnelle Weihnachtsfragen an den Bürgermeister
  • „Weil Hagen Stamm so viel Herz hat“: Currywurstbude spendet an Wasserfreunde Spandau
  • Kurze Regionalbahnen? Jetzt gibt es eine Statistik, schwarz auf weiß
  • 3400 Meter Baustelle? Neuer Technik-Ärger an der Heerstraße
  • Frohes, Spandau! Der „Hipster-Pfarrer“ hält im Newsletter seine Weihnachtsansprache
  • orsicht Süßkram! Welche Spandauer Kids die besten Zähne haben
  • 24. Dezember 1989: Mauerfall vor 30 Jahren am Glienicker See – ein (bekannter) Augenzeuge erinnert sich
  • Tagesspiegel-Gourmet-Tipp: Gastro-Legende Bernd Matthies kann bei diesem Lokal nicht meckern
  • „Kommt im Sommer zum Weihnachtsbaum-Casting!“ Fichtelgebirge greift Idee aus Spandau auf
  • Wochenmarkt in Kladow? Bekannter Stadtplaner schaltet sich in Debatte ein
  • Service: Silvester, Schwimmen, Kultur und Neujahrsläufe
  • …das alles und noch viel mehr Lesestoff konkret aus Berlin-Spandau: einmal pro Woche und in voller Länge im Tagesspiegel-Newsletter – den gibt es unter leute.tagesspiegel.de

 

Anzeige