Von Staaken bis Gatow: Leser erinnern an NS-Gedenkorte

Veröffentlicht am 28.01.2020

Der Gedenkort in Berlin-Gatow, den es nicht mehr gibt. Vom Arbeitskreis Gatow schrieb mir Andreas Erben („AK Gatow“). Im Dorfzentrum stand einst die katholische Kirche St. Raphael, ein von Rudolf Schwarz 1965 fertig gestelltes Gebäude – hier Bild Nr 10 in der Tagesspiegel-Fotostrecke über Gatow. Georg Jurytko war dort Pfarrer. Die Kirche war als Gedenkstätte für in Spandau ermordete NS-Gefangene konzipiert. Erben schreibt: „Jurytko war in der NS-Zeit Gefängnispfarrer und hatte den über 500 Gefangenen, die er zur Hinrichtung begleitete, ein Gedenken versprochen.“ An den Pfarrer und den Architekten erinnere eine kleine Gedenkstätte auf dem benachbarten Gutshof. Und die Kirche? Die Kirche wurde 2005, einen Tag bevor sie unter Denkmalschutz gestellt werden konnte, abgerissen. Dort steht heute der „Netto“-Supermarkt.

Die Zwangsarbeiter in Berlin-Staaken. Zehntausende rollen täglich an ihnen vorbei: die Baracken hinter der ICE-Lärmschutzwand nahe der Gartenstadt Staaken. „Es gibt viele Stätten, wo es kein Gedenken gibt“, schreibt mir Newsletter-Leser Stephan Lehnstaedt. „Zum Beispiel die Reste von Zwangsarbeiter-Baracken am Zeestower Weg.“ Hier eine Luftbildaufnahme. „Und da fehlt nicht nur das Gedenken, sondern auch das Wissen, wer die genutzt hat und welche Opfer es gab.“ Und genau das untersucht Lehnstaedt jetzt. Er ist Spandauer und arbeitet als Professor für das Touro College in Westend – er ist dort Professor für Holocaust-Studien und Jüdische Studien. Seine Einschätzung: „In Spandau haben wir gar nicht so wenige Gedenkorte, bei denen gerade die dezentrale Vielfalt wichtig ist. Das liegt auch an der so höchst aktiven Jugendgeschichtswerkstatt von Uwe Hofschläger.“ Auch Urte Evert, Museumschefin der Zitadelle, lenkt den Blick auf diese Baracken und will mehr erfahren.

Die Zwangsarbeiter an der Panzerfabrik. Newsletter-Leser Caspar Engelbrecht erinnert an einen Ort am Bahnhof Albrechtshof: „Als Staakener habe ich besonderes Interesse an Informationen über die Panzerfabrik, die es im Zweiten Weltkrieg nördlich des Seegefelder Weges direkt an der Stadtgrenze gab. Das Gebiet war bis vor kurzem verwildert und ist gerade erst mit Wohnhäusern bebaut worden“, berichtet Engelbrecht. „In unmittelbarer Nachbarschaft auf Brandenburger Seite war das dazugehörige Zwangsarbeiterlager, in dem viele Menschen umgekommen sind. Ich würde mich freuen, wenn dieser Ort mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken würde.“

Die jüdische Altstadt von Berlin-Spandau. Das verwüstete Bettenhaus der jüdischen Familie um Franziska Schwersenzer in der Breite Straße 4. Die niedergebrannte Synagoge von Rabbiner Arthur Löwenstamm am Havel-Ufer. Das Kaufhaus des jüdischen Unternehmers Julius Sternberg am Marktplatz, in dem heute die „Sparkasse“ sitzt. Die jüdische Familie Fanny, Heinrich und Frederic Zeller, die ihren Stoffladen in der Breite Straße aufgeben musste und in der Havelstraße 20 wohnte (heute das Cineplex-Kino). Jadwiga und Julius Siegmann, die Eigentümer der Adler-Apotheke in der Carl-Schurz-Straße waren. Es wurden noch viel mehr Menschen Opfer des NS-Terrors: Sie alle wurden geächtet, misshandelt, verängstigt, ermordet. 100 Namen hängen auf Stoffbahnen im Turm der St. Nikolai-Kirche. Und dass die „Jüdenstraße“ seit 2002 wieder ihren alten Namen trägt, hat auch ihren Grund: Dort gab es schon vor 750 Jahren einen jüdischen Friedhof. Die Nazis hatten sie 1938 in Kinkelstraße umbenannt.

Tagesspiegel-Projekt: Wo Berlin in den Kiezen der Opfer des Nationalsozialismus gedenkt. Hier die interaktive Tagesspiegel-Karte, die wir weiter anreichern: interaktiv.tagesspiegel.de/lab/niemals-vergessen – Text: André Görke

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