Nachbarschaft
Veröffentlicht am 15.01.2019 von André Görke
Nadine Wrietz, 43, Schauspielerin. Zurzeit ist sie in der RTL-Staffel „Der Lehrer“ zu sehen – und am 3. Februar im neuen ARD-Tatort „Das verschwundene Kind“ mit Kommissarin Charlotte Lindholm. Am 17. Februar spielt sie mit in „Frühling“ (20.15 Uhr, ZDF). Wrietz wohnt in Kreuzberg, ist aber aufgewachsen in – Bingo! – Spandau. Sie hat einst die Freiherr-vom-Stein-Schule besucht.
Frau Wrietz, noch Erinnerungen an die Schulzeit in Spandau?
Ja, an Top-Lehrerinnen wie meine geliebte Frau Freyer, deren Hockey-AG ich bis zum Abi besucht habe, und die immer Lust an der Bewegung und weniger den Leistungsgedanken vermittelt hat. Aber auch die unfassbar lustige Frau Ruef, die in mir den Wunsch ausgelöst hat, perfekt Englisch sprechen zu wollen.
Haben Sie auch schlimme Erinnerungen?
Ziemlich viele, die alle mit einem merkwürdig antiquierten und aufgesetzt elitären, dabei zutiefst unpädagogischen Schülerbild von manchen Lehrern zu tun haben.
Wo lag Ihr Spandau?
Ich bin direkt neben der Mauer sehr behütet in der Gartenstadt Staaken aufgewachsen. Im Sommer mussten wir Kinder wieder zu Hause sein, wenn die Kirchglocke läutete, im Winter, wenn die Laternen angingen. Meine erste Schule war die Zeppelin-Grundschule. Von der Wohnungstür bis in den Klassenraum habe ich 40 Sekunden gebraucht. Wobei ich bei dem Versuch, diese Zeit zu unterbieten, häufig scheiterte. Mein Bruder hat Fußball beim SC Staaken gespielt, und wenn es damals schon Mädchenmannschaften gegeben hätte, hätte Deutschland heute eventuell eine Schauspielerin weniger.
Wo hingen Sie später rum?
Mein „Wohnzimmer“ wurde das „Just“ in der Galenstraße. Das war verhängnisvollerweise direkt an der Bushaltestelle auf dem Weg von der Schule nach Hause. Die hatten dort einen „Addams Family“-Flipper und Cola in Gastroflaschen. Und einen Kicker, für den hatte ich aber zu wenig Talent. Dafür habe ich beim Flippern einen Rekord nach dem anderen aufgestellt. Den Sommer habe ich seit frühester Kindheit mit meiner Familie am Glienicker See verbracht. Mein Bruder und ich hatten häufig ein Paddelboot dabei und liebten den Nervenkitzel, in die Nähe der DDR-Bojen zu schwimmen. Viel später habe ich mir in der Zitadelle mit einer Holzbildhauerin ein Atelier geteilt und Schnitzen und Holzbildhauerei gelernt. Ein toller Ort.
Bester Spandau-Moment?
Als ich im November und Dezember 89 in der Altstadt mit Freunden heißen Tee, Kaffee und Kakao an die Leute aus Falkensee, Nauen, Potsdam verteilt habe. Wochenlang hing so eine Happiness-Glocke über der Stadt. Richtig toll.
Was sollte Spandau von Kreuzberg lernen?
Naja, Spandau könnte schon ein bisschen cooler werden. Ich meine, wenn man sich mal vor Augen führt, wie toll der Bezirk eigentlich ist. So viel Grün, zwei Flüsse kommen zusammen, Brandenburg vor der Haustür, eine prächtige Altstadt, tolle Wohnungen, ein „Weber“-Grill pro Einwohner. Trotzdem wird – nach meinem Erleben – in Spandau nicht gerade wenig gemeckert.
Viel wichtiger: Was sollte Kreuzberg von Spandau lernen?
Nun, ich könnte gut und gerne darauf verzichten, beim Spazieren durch den Görlitzer Park alle drei Meter eine fiese Drogenkarriere angeboten zu bekommen. Und ich muss zugeben, dass mit jedem Jahr, das ich länger in Kreuzberg lebe, meine Sehnsucht nach Mittagsruhe von 13 und 15 Uhr und Nachbarn-Musik nach 20 Uhr auf Zimmerlautstärke exponentiell wächst.
Und sonst so?
Beim Lehrer-Dreh habe ich meine Lieblings-Kollegin Jessica Ginkel kennen- und lieben gelernt und erfahren, dass auch sie in Spandau groß geworden ist – drei Kilometer Luftlinie von mir! Wir sind uns früher nie über den Weg gelaufen, obwohl sich neulich herausgestellt hat, dass ich ihrer Jugendliebe damals Englisch-Nachhilfe gegeben habe.
Im Gegensatz zu ihr oder Oli P., den ich noch aus alten Zeiten kenne, habe ich es aber bislang noch nicht auf die Liste „Berühmter Spandauer“ bei Wikipedia geschafft (lacht).
– Fragen: André Görke für den Spandau-Newsletter; Foto: Imago/Sven Simon