Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.02.2019 von André Görke

Julia Schreiner, 46, Ensemble-Chefin in der Jugendtheaterwerkstatt im Falkenhagener Feld, kurz JTW. Sie ist Theaterpädogin, Dramaturgin und Produzentin und gehört zum sechsköpfigen Führungs-Team. Die JTW wurde 1987 gegründet und hat ihren Sitz in der Gelsenkircher Straße. Infos: hier

Frau Schreiner, Sie sind zurück aus Afrika. Wie geht’s?
Hust!

Sie sind ja auch verschnupft.
„Uns steckt der Klimawechsel noch in den Knochen. Hier in Spandau sind es 10 Grad, drüben in Angola waren es 35 … aber immerhin: Ein bisschen braun gebrannt sind wir auch. Aber deswegen waren wir ja nicht da.“

Sie haben dort Theater gemacht – mit jungen Leuten zwischen 19 und 28, viele aus Spandau. Erzählen Sie mal kurz von der Reise.
„Wir waren 13 Leute, Sie hören also 13 unterschiedliche Berichte. Ich habe früher fürs Goethe-Institut in der Elfenbeinküste gearbeitet, für mich ist Afrika also nicht mehr so neu. Für die meisten war es hoffentlich eine einmalige Erfahrung. Einige von uns hatten noch nie Deutschland verlassen, andere saßen nie im Flugzeug und mussten erst mal einen Reisekoffer kaufen. Sie mussten für die Reise keinen Cent bezahlen, das kam über Fördergelder durchs Bundesministerium für Zusammenarbeit. Wir waren in Luanda, im Süden Afrikas – direkt am Meer. 15 Millionen Einwohner hat die Stadt. Und der Bezirk, in dem wir gespielt haben, eine Art Favela, hat drei Millionen Einwohner – Spandau kann man damit nicht  vergleichen.“

Wie haben die Schauspieler kommuniziert?
„Auf portugiesisch, radebrechend mit Google Translator. Aber wir kannten uns ja alle aus dem Falkenhagener Feld. Wir hatten die Theatergruppe im September bei uns zu Gast, das war jetzt der Gegenbesuch. Wir wurden behandelt wie Freunde. Die Bindung war eng. Die Darsteller stehen auf der Bühne und doppeln sich – jede Rolle wird in zwei Sprache gesprochen, hier wir Spandauer, da die Angolaner, alle auf einer Bühne.“

Sind Sie eher Theater- oder Bildungsstätte?
„So eine Art Zwitter. Wir erreichen Jugendliche aus armen und reichen Kiezen. Wir bringen Kulturen zusammen und machen Theater – im Sommer stehen bei der Ur-Aufführung immer 20, 30 Laien-Darsteller auf die Bühne, die mit einem professionellen Team arbeiten. Wir werden seit Januar – neben der Förderung vom Bezirksamt als Jugendkulturzentrum – auch finanziell vom Senat als freie Spielstätte gefördert. Jeder kann bei uns mitmachen, der älter ist als 14 Jahre, Casting gibt es keines.“

Ihre Bühne ist alt, wird für 4,4 Millionen saniert. Wann geht‘s los?
„Wir hoffen auf 2021. Wir brauchen aber dringend eine Ersatzspielstätte und stehen mit Helmut Kleebank und den Stadträten in Kontakt.“

Gibt es einen Favoriten?
„Eine Industriehalle, eine alte Fabrik… Hauptsache ein Ort für Theater. Und Hauptsache Spandau.“ – André Görke
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Diese Nachricht haben wir dem neuen Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel entnommen. Den können Sie komplett und kostenlos lesen unter https://leute.tagesspiegel.de.

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