Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.03.2019 von André Görke

Christian und Andreas Bergel, 43, Zwillinge aus Haselhorst.

Herr Bergel, Herr Bergel, Sie waren ganz schön sauer. Was ist passiert? „Es geht nicht nur um meinen Bruder und mich, es geht um 400 Menschen, 400 Schicksale. Wir arbeiten seit 25 Jahren im Infinera-Werk: erst hießen wir Siemens, dann Nokia-Siemens, Coriant und zuletzt Infinera. Und jetzt sollten wir mit Krümeln abgespeist werden. Drei Monatsgehälter Abfindung nach 25 Jahren? Die Politiker schmücken sich mit dem Ergebnis, dass sie den so tollen Siemens-Campus nach Berlin geholt haben – schön, aber uns sollten sie bei ihrer Feier nicht vergessen.“

Jetzt ist alles gut? „Schneller als gedacht wurde uns am Freitag in der Betriebsversammlung das Verhandlungsergebnis mitgeteilt. Es wurde ordentlich Druck gemacht, die Abfindung erhöht. Leider konnten wir die Schließung des Werks nicht verhindern. Jetzt haben wir einen Wunsch, vielleicht liest das ja hier jemand im Spandau-Newsletter: Wir suchen einen neuen Job, gern gemeinsam wieder in einer Firma. Das wäre klasse.“

Wo wohnen Sie eigentlich? „In der Wasserstadt, seit zwölf Jahren. Uns gehört eines dieser Townhäuser, die so viele Jahre einsam am Havelufer standen. Wir wussten, dass dort gebaut wird – schade, aber keine Überraschung. Dass allerdings so viel und so eng gebaut wird, ist hart an der Grenze. Früher lagen wir JWD. Da gab es fertige Straßen und Laternen, aber keine Häuser. Wir wurden ein bisschen vergessen. Nachts haben wir uns manchmal geärgert, wenn Leute mit ihren Autos ans Ufer gefahren sind und bei offener Tür laut Musik gehört haben – ist als Nachbar nicht immer lustig. Die Infrastruktur war früher nicht so gut in der Wasserstadt: kein Supermarkt, keine Ärzte, der BVG-Bus kam nur alle 20 Minuten. Auch die soziale Mischung stimmte nicht. Hoffen wir, dass es besser wird. Und dass wir ans Nahverkehrsnetz angeschlossen werden – am liebsten mit der unterirdischen S-Bahnstrecke. Hauptsache nicht nur mit dem Bus.“

Was lieben Sie an der Wasserstadt? „Die Radwege an der Havel. Wir fahren gern am Hohenzollernkanal lang, manchmal um den Tegeler See und wieder runter zur Bürgerablage. Von der Brücke am Teufelsseekanal haben Sie den besten Blick auf die Havel.“

Sie veranstalten das Zwillingstreffen. Seit wann eigentlich? „Seit 2003, genau. Wir treffen uns in der Westernstadt in der Paulsternstraße in Haselhorst. 50 Paare erwarten wir im August. Letzte Woche haben wir die Zusage erhalten, dass Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank zum Gruppenfoto kommt.“ – Infos zum Zwillingstreffen: hier  – André Görke
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Dieser Text stammt aus dem neuen Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel. Den Spandau-Newsletter können Sie kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de.

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