Nachbarschaft

Veröffentlicht am 23.04.2019 von Robert Klages

Spandau, das liegt an der Westküste, wie wir letzte Woche gelernt haben. Und an Küsten, da braucht es natürlich auch Boote. Und Bootsbauerinnen bzw. Bootsbauer. „Key Largo Marina & Yachting GmbH“ ist eine kleine Werft auf dem Hafengelände der „Marina Lanke“ an der Scharfen Lanke (dort ist es ja bekanntlich „ein bisschen wie in Italien“) – auf dem Gelände finden sich außerdem der Yachthafen mit Bootsliegeplätzen, Hausbootverleihe, einer Segelschule und ein kleines Restaurant. Key Largo gibt es seit 2011. „Wir reparieren, restaurieren, bauen aus und um – von der kleinen Jolle bis zur Kielyacht, vom klassischen Holzsegelboot bis zur modernen Motoryacht“, erzählt Geschäftsführer Rolf Schaefer.

Die anderen Wasserlagen im Westen seien mit Villen bebaut, das sei ein großes Problem in Berlin, erzählt Schaefer. Weil viele Gewerbegebiete umgewandelt werden in Wohngebiete. „In Spandau gibt es noch Wasserzugang für uns Werften. Wir hoffen, dass es erhalten bleibt.“ Die Marina Lanke ist im Besitz der Familie Twelkmair seit der dritten Generation – und wird wohl so schnell nicht verkauft.

Derzeit hat Schaefer vier Mitarbeiter und zwei Auszubildende. Eine davon ist seit Februar Mena Koller. Diese hatte vor fast zehn Jahren alle Besitztümer verkauft und war per Anhalter durch den Balkan gereist. In der kroatischen Hafenstadt Zadar hat sie für ein paar Wochen auf einem kleinen Segelschiff gelebt und gearbeitet. „Habe mich Hals über Kopf in Schiffe verliebt und wollte Bootsbauerin werden“, erzählt sie mir bei einem Bier.

Zunächst lebte sie allerdings als Schriftstellerin in Berlin. Doch irgendwann hatte sie die Schnauze voll vom Literaturbetrieb. „Ich wollte mich nicht verkaufen, wollte keine prekäre Irrelevanz mit einem weiteren Lyrik-Blog reproduzieren.“

Sie erinnerte sich an ihren alten Traum und fand „über drei Ecken“ die kleine Werft an der Havel. Das erste Schiff an dem sie dort gearbeitet hat, hatte den gleichen Namen wie damals das Segelschiff in Zadar. Zeichen und Wunder. „Und überhaupt erlebe ich in dieser Werft täglich mehr Poesie als in all den Jahren im Literaturbetrieb zusammengenommen. Die schönsten Linien der Welt. Alles, was sonst unter der Oberfläche verborgen liegt, offen zugänglich im Raum. Eine geschmolzene Kupfersonne in jedem Farbtopf. Eine Arbeit, die man mit Begeisterung und Hingabe macht. Spandau hat mir ein neues Leben geschenkt!“

Key Largo bietet die gesamte Bandbreite des professionellen Bootsbauerhandwerks und arbeitet sowohl traditionell als auch nach modernen Bautechniken. Auch das Ein- und Auswintern von Boote zählt zu den Leistungen des Betriebs, benannt nach einem 1921 gebauten nationalen Kreuzer auf der Werft B & D Engelbrecht in Köpenick. Die Yacht wurde von Paul Francke aus Berlin-Friedrichshagen entworfen, er galt neben Max Oertz, Henry Rasmussen, W. von Hacht und Gustav Estlander als einer der erfolgreichsten Schiffbauingenieure der damaligen Zeit. Das war das erste Segelboot, das Geschäftsführer Schäfer restauriert hat. Und danach hat er auch gleich die Werft in Spandau gegründet. Nun pflegt und wartet man dort die Schiffe der Spandauer Bucht.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-a.goerke@tagesspiegel.de

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