Nachbarschaft

Veröffentlicht am 14.05.2019 von André Görke

Stephan Swiatek, 54, Mitarbeiter im Rathaus Spandau und Chef vom Hertha-Fanclub „Spandau Tradition.“ Allein bei uns hat der Klub 2550 Mitglieder, und auf dieser Liste steht ein Mann aus Kladow ganz oben: Neuer Cheftrainer ist nämlich Ante Covic. Am Sonnabend, 15.30 Uhr, tritt Hertha BSC im Olympiastadion gegen Leverkusen an. Es ist das letzte Heimspiel der Saison.

Herr Swiatek, seit wann gehen Sie zu Hertha? „Seit knapp 50 Jahren. Samstags bin ich mit meinem Vater immer zu Hertha, sonntags zum Spandauer SV.“

Stellen Sie erst mal kurz Ihren Fanclub vor. „Wir heißen ‚Spandau Tradition‘, uns gibt’s seit 19 Jahren. Wir sind alle Spandauer, alle so in meinem Alter, alle mit Dauerkarte. Wir treffen uns einmal pro Monat bei ‚Romana‘, diesem Italiener an der Wilhelmstraße. Ich bringe ein kleine Postille raus, ‚Hertha unser‘ heißt das Heft. Da kommen in 50 Jahren viele Erinnerungen zusammen.“

Wie hat’s begonnen mit der Liebe zum Fußball, damals in Spandau? „Ich habe als Kind neben dem SSV-Stadion gewohnt, Triftstraße, direkt an der Feuerwache. Das Stadion war etwas Besonderes: Vorn lag die Neuendorfer Straße, hinten die Havel. Ein Netz hat verhindert, dass die Bälle in die Havel flogen. Sonntags hat Mutter immer Mittagessen gemacht, danach sind wir rüber zum Platz. Mann, war das eine Stimmung! Kennen Sie noch den alten Schlachtruf? Hau, Hau, Hau, SSV! Im Vereinsheim – eine Holzbaracke – haben sich die Spieler neben der Kneipe umgezogen. Der Platz war gefürchtet, eng und ohne Laufbahn. Wir standen als Zuschauer direkt hinterm Tor. Schade, dass Ende der 90er alles abgerissen wurde. Heute ist das ’ne triste Wiese.“ (Foto)

Und Ihre Erinnerung an Hertha? „Ich erinnere mich an eine Schultheiss-Flasche, die mir mein Vater vorm Stadion gekauft hat (Swiatek lacht). War kein Bier drin, ich war ja ein Kind, sondern Brause – so eine Limo in der durchsichtigen Schultheiss-Flasche. Mensch, das war was Besonderes! Bei Ausflügen wurde früher ja sonst kein Geld ausgegeben. Ich bin bei Hertha geblieben – in den großen 70ern, in den schlimmen 80ern mit den Rechtsradikalen. War nicht schön. Hertha ist damals in die Oberliga abgestiegen…

…und spielte gegen den SC Gatow – vor 950 Fans auf dem Dorfsportplatz. „Genau, am Sportplatz an der Schule. Damals spielten auch der Spandauer SV und der Spandauer BC mit, das war quasi ’ne Spandau-Liga. Schade, dass alles den Bach runterging.“ 

Und wo ist heute Ihr Spandau, Herr Swiatek? „Ich habe 25 Jahre im Kiez an der Pichelsdorfer gelebt, Straßburger Straße, uns drohte eine Mieterhöhung von 75 Prozent… in Spandau! Hätte uns früher auch kein Mensch geglaubt, oder? Jetzt wohne ich in Stresow, muss mich hier aber erst mal zurechtfinden. Mein Lieblingsplatz ist immer noch das Barfly in der Wilhelmstadt. Jute Leute, jutes Essen – die Medaillons mit Apfelringen sind lecker und der Hamburger McFly mit Pommes. Was Spandau fehlt? Ein guter Biergarten an der Havel wär‘ schön.“ André Görke
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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Spandau entnommen. Den Newsletter schicken wir Ihnen einmal pro Woche zu, kompakt per Mail. Den Spandau-Newsletter können Sie unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de.

  • Winter 1986: die Spandau-Liga mit Hertha. Im Winter 1986 kickte Hertha am Ziegelhof (vor 2200 Fans!), am Nikolaus-Tag in Gatow und kurz vor Weihnachten 1986 gegen den SSV – hier ein Foto der Statistik. Die Details stammen aus dem Lexikon „Hertha-Kompendium“ (Tragmann/Voß, 2007, 700 Seiten).
  • Unvergessenes SSV-Stadion: die Leser-Bilder. Super Leserfotos von der SSV-Holzbaracke und vom alten Stadion an der Neuendorfer Straße zwischen Schultheiss-Brauerei und Feuerwache zeige ich Ihnen unter diesem Tagesspiegel-Link.
  • Und eine Frage an Sie, die Newsletter-Leser. Haben Sie noch Bilder vom Hertha-Spiel in Gatow? Oder vom Spiel am Ziegelhof? Oder mehr vom alten SSV-Stadion? Ihre Fotos mit Namen schicken Sie bitte an: spandau@tagesspiegel.de
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