Nachbarschaft

Veröffentlicht am 28.05.2019 von André Görke

Ingo Gersbeck, 55, Chef des Kreuzfahrtterminals in Berlin. Wo das liegt? Na, in Spandau an der Havel, quasi am Ziegelhof. Hier finden Sie ein kleines Video von mir – und hier ein Foto vom markanten Buddybären mit „Spandau“-Schriftzug auf der Brust.

Herr Gersbeck, wir müssen mal raus und sind in Urlaubsstimmung. Wo geht’s denn so hin? „Och, die Schiffe brauchen Wasser unter dem Kiel, das ist häufig der Knackpunkt bei den Reisen, aber sonst im Idealfall: Sie können vom Ziegelhof direkt an die Ostsee fahren – von Spandau nach Stralsund, mit Stopp auf Hiddensee. Eine Woche dauert das, mit Übernachtungen und Ausflügen. Ein Bus fährt parallel mit. Oder auch nach Prag! Das ist richtig beliebt, mit Halt in Dresden. Bin ich aber noch nie mitgefahren.“

Geht’s auch nach Westen? „Ja, aber nur zum Saisonende. Wenn es kalt wird und bei uns im Osten die Flüsse einfrieren, dann orientieren sich die Schiffe lieber gen Amsterdam, Basel, diese Richtungen.“

Die Kreuzfahrtschiffe sind ein paar Nummern kleiner als die Pötte von Aida und Mein Schiff … „ja, klar, und das Publikum ist auch anders – gediegener, älter. Wenn die Reisegäste hier in Spandau mit ihren Koffern an Bord gehen – der ICE-Bahnhof liegt ja ums Eck – , dann wird da nicht die Nacht durchgetanzt. Eine Disko an Bord gibt es nicht, da sitzt ein Alleinunterhalter am Klavier.“

Wann ging’s los mit dem Kreuzfahrtterminal? „1998, da habe ich die Bunkerstation gekauft. Seitdem wohne ich auch in der Wilhelmstadt und…“

… was ist denn eine Bunkerstation? „Na, eine Schiffstankstelle. Bunkern heißt ‚tanken und Schiffsbedarf einkaufen‘ im Schiffsjargon. Ich bin gelernter Bankkaufmann, komme von der Bank für Schiffahrt, mit zwei F – das ist nämlich ein Eigenname. Für diese Bank war ich nach meiner Lehrzeit in Hannover 14 Jahre als Niederlassungsleiter im Westhafen tätig.  Ich war auch Geschäftsführer des Reederverbandes der Berliner Personenschiffahrt. Kapitän bin ich nicht, kenne mich aber auch so in der Branche gut aus. 1999 legte das erste Flusskreuzfahrtschiff, die MS „Swiss Coral“, an meiner Bunkerstation an. Die Nachfrage nahm zu, 2004 habe ich das 1. Kreuzfahrtterminal zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Konrad Birkholz eröffnet. Die Liegestelle ist mit Strom und Halteplätzen für Reisebusse ausgestattet.  Eine weitere Anlegestelle für kleine Schiffe biete ich zwischen der Dischinger- und Eisenbahnbrücke, am alten Postgelände. Mit meinen Bunkerbooten fahren wir zum Tanken bis zum Tegeler See, Treptower Hafen und auch zum Wannsee an die BVG-Fähre.“

Kann man mit dem Diesel auch Auto fahren? „Ja, könnten Sie theoretisch, das ist ja kein Schweröl. Der Diesel sieht aber anders aus – er ist rötlich gefärbt, um das alles auseinanderzuhalten. Ich will aber einen neuen Treibstoff nach Berlin holen, den gibt es hier noch nicht: Shell GTL, Gas-to-liquids – ein synthetischer Dieselkraftstoff, der aus Erdgas gewonnen wird. Der hat 40 Prozent weniger Stickoxide, 90 Prozent weniger Rußpartikel, riecht man nicht, sieht man nicht – ist gut für die Umwelt, könnte gut funktionieren. Ich will der Erste sein.“

Haben Sie ein Schiff? „Privat? Nein. Aber mir gehört der Dampfer MS Rheinland. Die ist gerade beim Tüv – neue Farben, Fünf-Jahres-Check. Im Juni fahren wir wieder über die Seen.“

Wo treffen sich die Schiffer? „Früher immer in der Sportgaststätte am Ziegelhof, beim Spandauer BC. Heute haben wir ein schwimmendes Vereinsheim am Ufer. Die „Fritz Gerhard“, ein altes Schiff, 90 Jahre. Ein Tresen und ein Kühlschrank sind da drin, Bewirtschaftung in Eigenregie, fertig. Ein schönes Schiff, das der Schifferverein geschenkt bekommen hat und durch fleißige Vereinsmitglieder gehegt und gepflegt wird – das ist aber nicht öffentlich. Das Schiff kennen Sie bestimmt: Die Fritz Gerhard ist die mit den vielen bunten Fähnchen am Ziegelhof und liegt seit fast 30 Jahren dort. Die meisten Binnenschiffer bringen Kohle nach Berlin. Denen empfehle ich das Barfly oder Florida Eis. Kommt meistens gut an.“

Sie haben einen bekannten Sohn, Marius Gersbeck, Hertha-Torhüter. Er hat sogar schon in der Bundesliga gespielt. „Ja, aber Marius hatte leider viel Pech mit Verletzungen. Ich sage ihm immer: Marius, denk‘ bitte an eine Alternative zum aktiven Fußball. Schiffsknoten kann er, und fit ist er auch (lacht). Mein anderer Sohn Julian ist schon ausgelernter Binnenschiffer. Wenn die beiden wollen, können sie meinen Betrieb in Spandau einmal weiterführen.“ – Interview: André Görke
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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau entnommen. Den kompletten Newsletter, den Ihnen André Görke kompakt einmal pro Woche schickt, können Sie ganz unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de

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