Nachbarschaft

Veröffentlicht am 11.06.2019 von André Görke

12 Berliner Bezirke, 12 Tagesspiegel-Newsletter. Jede Woche schreiben wir Nachrichten und Kuriositäten auf, stellen die Sorgen und die Ideen der Kiez-Initiativen in unseren Tagesspiegel-Newslettern vor. Und wir treffen Leute, die eine Geschichte zu erzählen haben. Diesmal im neuen Spandau-Newsletter: Der Pfarrer, der zur Taufe in den Berliner Badesee lädt – und etwas Großartiges vorhat zum Mauerfall-Jubiläum. Den kompletten Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel können Sie unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de  – Ihr André Görke 

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Alexander Remler, 47, Pfarrer. Früher hat Remler als Reporter für die „taz“ und die „Welt am Sonntag“ gearbeitet, studierte dann Theologie. Seit 2017 ist er Pfarrer der Schilfdachkapelle in Kladow nahe dem Glienicker See. Die Gemeinde hat 1900 Mitglieder. Remler ist verheiratet und hat drei Kinder.

Was gibt’s Neues, Pfarrer Remler? „Wir, also die drei evangelischen Gemeinden des Spandauer Südens – Gatow, Kladow, Schilfdachkapelle – veranstalten am 23. Juni einen gemeinsamen Taufgottesdienst am Glienicker See, bei dem wir drei Pfarrer mit Talaren ins Wasser gehen. Los geht es um 10.30 Uhr nahe dem Bootshaus. Der Familiengottesdienst steht im Zeichen von Johannes dem Täufer. Im vorigen Jahr haben am Taufgottesdienst beinahe 300 Besucher teilgenommen – und das bei Regen und Wind.“

Stellen Sie kurz mal Ihre Kirche vor. „Gern. Die Schilfdachkapelle „Zum guten Hirten“ steht für einen einmaligen Teil der deutsch-deutschen Geschichte. Durch den Gebietsaustausch im September 1945 wird die zu Groß Glienicke gehörende Siedlung „Wochenend West“ britische Besatzungszone in West-Berlin. Die Gemeindemitglieder werden von ihrer Kirche drüben in Groß Glienicke getrennt. Pfarrer Wilhelm Stintzing aus Groß Glienicke hat den kühnen Plan, für diesen Teil seiner Gemeinde eine eigene Kirche zu bauen – politisch gesehen im Land des „Klassenfeindes“, in Kladow, West-Berlin. Mit Erfolg. Im Mai 1951 ist Baubeginn. Die Steine der zerstörten Ruine des Gutshofes, das Holz für den Dachstuhl und das Schilf für das Dach werden über die DDR-Grenze nach West-Berlin gebracht. Am 26. April 1953 wird die Schilfdachkapelle eingeweiht.“

In diesem Jahr steht das Mauerfall-Jubiläum an – 30 Jahre, 1989-2019. Planen Sie eigentlich Feierlichkeiten? „Ja, wir haben verschiedene Gottesdienstformate vor – Jugendgottesdienst, Festgottesdienst – , aber auch einen Gesprächsabend in Groß Glienicke. Am interessantesten aber, zumindest für mich, ist die Idee, an das alte „Ufer-zu-Ufer“-Singen anzuknüpfen. Das hat die Groß-Glienicker in der DDR und die Kladower in West-Berlin über die Mauer hinweg verbunden. Immer im Advent kamen die Menschen an den See – die einen am Ostufer, die anderen am Westufer -, und haben gemeinsam Adventslieder gesungen. Die erste Strophe „West“, die zweite Strophe „Ost“ und so weiter. Ich finde, dass das ein tolles Symbol für die Überwindung von Mauern ist, an das wir zum Jubiläum und aus reichlich aktuellen Anlässen anknüpfen wollen.“

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