Nachbarschaft

Veröffentlicht am 25.06.2019 von André Görke

Bernhard Neumann, 65, Ehrenpräsident des Golfclubs Gatow. Mit ihm bin ich über die Golfanlage gerollt – hier finden Sie meine Bilder. Und hier kommt das große Interview für den Spandau-Newsletter des Tagesspiegel (den kompletten Newsletter gibt es unkompliziert unter diesem Tagesspiegel-Link).

Herr Neumann, wir sitzen hier im Golfcar, kurven am Grün vorbei. Am 1. Juli steht das Jubiläum an: 50 Jahre Golfclub Gatow. Ist die Queen eigentlich Mitglied bei Ihnen? „Nein (lacht), aber wir haben wirklich mal daran gedacht. Die Idee war zu kompliziert umzusetzen – ein richtiger Staatsakt. Jemand von der Königsfamilie hätte hier offiziell einmal spielen müssen. Dann wären wir heute ‚Royal Golfclub Gatow‘.“

Britisch ist der Klub auch so. „Oh, ja. Wir waren früher der bestbewachte Golfclub der Welt, ein closed shop. Der Golfclub liegt auf dem Gelände des alten britischen Flugplatzes. Wer mitspielen wollte, betrat britisches Territorium. Vorn am Kladower Damm musste man mit seinem Golf-Equipment an den Wachen vorbei auf den Flugplatz. War eine irre Zeit. Hier gab es Rugby-Plätze, die britische Fahne wehte, bezahlt wurde aber mit D-Mark. Ich hatte mit Golf gar nichts am Hut, ich war Fußballer bei den Sportfreunden Kladow, 1. Männer. Mein Schwager und meine Schwester waren hier im Club, die haben mich in den 70ern mitgenommen, dann bin ich geblieben. Irgendwann habe ich sogar die Schotten mit meinem Schul-Englisch verstanden! (lacht) Deren Regimenter brachten immer neue Soldaten nach Gatow, und die Schotten sind wirklich richtig gute Golfer.“ Neumann grüßt einen älteren Mann, spricht englisch, Smalltalk. 

Sind hier noch viele Briten? „Ein paar, ja. Wir haben auch britische Golftrainer, fünf insgesamt. Andere, die sich um die Anlage kümmern oder als Marshalls auf dem Golfplatz tätig sind, haben früher bei der Militärpolizei gearbeitet oder als Lastwagenfahrer beim britischen Militär.“

1994 war die Zeit der Alliierten in Berlin vorbei. „25 Jahre waren wir der britische Golfclub, seit 25 Jahren sind wir der Berliner Golfclub. Es gab ganz früher noch einen zweiten, kleinen Golfplatz in Kladow – unten am Hafen, auf der großen Wiese vorm Wasserwerk an der Imchenallee, aber den gibt es nicht mehr. Und auch unser Golfplatz stand 1994 zur Debatte, als die Briten auszogen. Hier sollten 1200 Häuser für Bundesbedienstete entstehen.“

Auf dem Golfplatz? „Ja, für die vielen Familien aus Bonn, die in Berlin als Hauptstadt erwartet wurden. Damals wurde ich Präsident und muss heute sagen: Ich war so richtig schön naiv. Stellen Sie sich  das doch mal vor: Wir wollten als Ehrenamtliche in unserer Freizeit den Golfplatz retten und in die Bauplanung der neuen Hauptstadt eingreifen – was für ein naiver Gedanke. Es wurde ein Puzzle mit 500 Teilen: der Bund, die Bundeswehr, das Land, der Bezirk, die Immobilienentwickler – alle hatten sie Pläne mit unserem Golfplatz hier am Stadtrand und dann kamen plötzlich wir Freizeitsportler um die Ecke. Ich habe an Helmut Kohl geschrieben, an John Major und den Bundespräsidenten, wir haben Klaus Töpfer hergeholt, kurzum: Wir haben alle genervt. Töpfer hat irgendwann gesagt: Himmel, habt ihr keine anderen Probleme in West-Berlin?“

Neumann kichert und zeigt alte Pläne, auf denen Häuser auf den Golfbahnen eingezeichnet sind. Das ist der ursprüngliche Bauplan aus den 90ern – hier die Zeichnungen, ich habe die für Sie mal abfotografiert.

„Es gab so viele Schreiben und Gutachten, die lagern alle in meinem Keller unten im Clubhaus – meine Schatzkammer. 1999 wurden die Häuser schließlich nebenan auf den Landebahnen des stillgelegten Flugplatzes gebaut, den man nicht mehr brauchte. So entstand die heutige ‚Landstadt Gatow‘, und wir durften bleiben. Auch nach so vielen Jahren ist für mich immer noch ein Geschenk des Himmels.

Wie viele Golfplätze gab es früher in Berlin? „Zwei. Den in Wannsee, dort spielten die US-Amerikaner und nebenan die Deutschen, und unseren hier in Gatow. In den 30er Jahren gab es auch einen im Norden von Potsdam, deshalb heißt in Nedlitz eine Straße ‚Am Golfplatz‘, aber der ist schon lange weg. Nach der Wende gab es diese Euphorie: Berlin wird eine 9-Millionen-Menschen-Region, 50 Golfplätze waren in Planung, was für eine Utopie! Der allererste Golfplatz Berlins befand sich übrigens am Spandauer Damm in Westend, er wurde 1895 gegründet, da gibt es noch heute eine Kolonie ‚Golfplatz‘.“

Wie viele Sportler haben Sie heute? „1100. Und mit 68 Hektar die zweitgrößte Sportanlage der Stadt nach dem Olympiapark. Wer Vollmitglied werden will, zahlt einmalig 5000 Euro im Jubiläumsjahr. Klar, ein stolzer Betrag, aber die Mitglieder haben alles selbst finanziert, ohne öffentliche Förderung. Kinder zahlen aber nur 100 Euro im Jahr. Auch wir brauchen Nachwuchs, wie alle Sportvereine in dieser Stadt. Sie kennen ja die Alterspyramide. Gerade hatten wir einen erfolgreichen Kids-Day. Wir bieten auch Golfkurse für Schulen an – Martin-Buber-Oberschule, Mary-Poppins-Grundschule, Hans-Carossa-Gymnasium. Und wir sind Gastgeber für Jugend trainiert für Olympia oder auch für Golfturniere von behinderten Sportlern.“

Das Golfcar hält auf einer Kuppel, unten liegt der künstliche See. Im Gebüsch raschelt es hektisch.

„20 Rehe leben hier. Und wir haben neben vielen versenkten Golfbällen auch Raubfische da unten im Teich. Der Golfplatz ist ein echtes Refugium für diverse Tiere, weil wir viele naturbelassene Flächen haben.“

Das alles hätte zugeschüttet werden sollen. Damals lag in dem Loch die Kohle-Reserve für West-Berlin. „Der alte Dieter Hafemeister, ein Spandauer Unternehmer, hatte hier seine Kiesgrube zu Mauerzeiten. Alte Kladower werden sich erinnern. Dann sollte die Grube mit der Kohle gefüllt werden – die lag dort, wo heute Springer druckt, am Brunsbütteler Damm….“

…wo auch der Tagesspiegel hergestellt wird. „Das sollten tausende Lastwagen-Fuhren voll Kohle sein, jahrelang durchs Dorf, ganz Kladow ging auf die Barrikaden. Die ersten Lkws rollten an der Schule vorbei, und die war seinerzeit immerhin Berlins größte Grundschule. Als dann auch noch die erste Kohle glimmte, musste dauernd die Kladower Feuerwehr anrücken. Es stank in Kladow, die Kohle musste wieder raus, wurde verfeuert. Aber keiner wusste, was mit diesem riesigen Loch zu tun ist. Alles mit Sand auffüllen? Wären ja wieder tausende Lkws gewesen. Dann kamen wir als weiße Ritter: Wir bekamen die alte Kiesgrube und konnten unseren Golfplatz hier hinein erweitern. Dort entstand unser Teich. Wir hatten ein zweites Mal Glück, auch wenn es fast sieben Jahre dauerte, bis es soweit war.“

Da vorn ist das Clubhaus mit der Terrasse. Die Burger sind gut, die Terrasse für jeden offen. Was ist denn Ihr Tipp? „Der Streuselkuchen!“

Kulturtipp: „50 Jahre Golf in Berlin-Gatow – Geschichte und Geschichten“. Bernhard Neumann lädt am Donnerstag,  4. Juli, 19 Uhr ins Luftwaffenmuseum und erzählt Spandauer Golf-Geschichten. Offen für jedermann, nicht nur für Mitglieder. Oberstleutnant Ralf-Gunter Leonhardt wird vorher über den Standort Gatow sprechen. Der Golfclub im Netz: golfclubgatow.de

 Das Gespräch führte André Görke für den Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel.
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Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau entnommen. Den kompletten Spandau-Newsletter, den wir Ihnen kompakt einmal pro Woche schicken, können Sie ganz unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de. Ich freue mich auf Sie!

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