Nachbarschaft

Veröffentlicht am 30.07.2019 von André Görke

Lucas Vogelsang, 33, ist Buchautor und groß geworden in Spandau. Er stammt aus Hakenfelde und hat das Hans-Carossa-Gymnasium besucht. Vogelsang („Spandau ist das beste Bootcamp fürs Leben“) schrieb früher für den Tagesspiegel, „11 Freunde“, arbeitete mit Rainald Grebe am Theater und für Thomas Gottschalk im Hintergrund. Jetzt hat er ein neues Buch veröffentlicht. Titel: „Was wollen die denn hier? Deutsche Grenzerfahrungen“ (Rowohlt, 2019, 20 Euro). Mit Schauspieler Joachim Król hat er sich 30 Jahre nach dem Mauerfall auf eine Reise durch ein ehemals geteiltes Land gemacht und Menschen besucht, deren Leben 1989 noch mal neu begonnen hat. Im Osten oder im Westen. Liest sich gut weg. Ich habe Vogelsang bei der Hälfte des Buches einfach mal aus Griechenland angemailt – er antwortete überraschenderweise quasi von der Nachbarinsel.

Hallo Lucas, André hier. Das „Kicker“-Sonderheft gab’s noch nicht am Flughafen Tegel, zum Glück lag dein Buch im Koffer und… ist „Urlaubslektüre“ eigentlich okay? „Klar, wieso nicht? Es ist doch wunderbar, wenn man Geschichte und Geschichten einfach in den Koffer packen und mit an den Strand nehmen kann. Egal, ob an der Ostsee oder am Mittelmeer. Das ist doch Reisefreiheit im besten Sinne.“

Du reist als Wessi, oder besser: West-Berliner, mit Król durchs Land und sammelst Geschichten. Ich habe die Hälfte des Buches gelesen, gerade seid ihr in der Altmark. Kommt ihr auch nach Staaken? „Wir sind natürlich auch nach West-Berlin gekommen, dort haben wir Andi Thom von Hertha BSC getroffen und sind mit ihm vom Olympiastadion aus durch seine Erinnerungen gefahren. Ich wäre mit Joachim aber auch gern an den Glienicker See gefahren, wir hatten lange überlegt, das Cover des Buches dort zu fotografieren. An den noch vorhandenen Mauerstücken, es gibt ja kaum noch welche. Ich empfehle jedem, da noch in diesem Sommer hinzufahren, 30 Jahre später hinter dem Dauercampingplatz gleich rechts. Da beginnt dann schon deutsch-deutsche Vergangenheit. Und das macht gleich etwas mit dir, diese Vorstellung, dass die Grenze einst genau durch den See verlief. Das ist dann gleichzeitig sehr weit weg und doch sehr nah dran.“

1989-2019, dein Buch kommt zum Jubiläumsjahr. Erinnerst du dich an die Mauerreste um Spandau rum? „Natürlich, für mich hat die DDR, die Erzählung davon, immer gleich hinter der Bürgerablage begonnen, da bin ich mit meinem Vater in den frühen 90er Jahren oft mit dem Rad hingefahren. Außer Sand und hüfthohen Pionierpflanzen gab es da nicht viel. Geblieben aber war das Wort: Todesstreifen. Vier Silben, in denen der Schießbefehl stand. Und wenn man weitergefahren ist, immer am Wasser lang, kam irgendwann auch noch ein Wachturm, kurz vor Hennigsdorf. Das war immer gleich eine kleine Zeitreise.“

Ich habe gelesen, du bist Ruhrschreiber. Ähneln sich Spandau und Ruhrgebiet? Oder gibt es Dinge, die Spandau unbedingt lernen muss vom Ruhrgebiet? „Ich bin gerade mit dem Schauspieler Jochen Nickel durch den Pott gefahren. Der ist in Witten geboren und lebt seit sieben Jahren in Berlin. Der sagte, man sollte das Ruhrgebiet nicht immer mit Berlin vergleichen. Die Ruhris seien eher wie die Finnen. Ich glaube, das trifft es ganz gut. Dieses Zusammensitzen, noch einen trinken, sich gegenseitig aushalten. Diese aufs Wesentliche zusammengezurrten Pointen, diese Halbsätze, in denen eine ganze Welt steckt. Da man aber auch Spandau nicht mit Berlin vergleichen oder gar verwechseln sollte, passt das schon wieder. Von mir aus beginnt Witten gleich hinter Staaken.“ – Fragen: André Görke; Foto: Philipp Wente

Ich verlose drei Mal das Buch „Was wollen die denn hier?“ Was Sie tun müssen: Erzählen Sie uns doch mal kurz Ihre kleine, ganz persönliche Wendegeschichte 1989 in Spandau. Wo waren Sie? Was war die schönste, rührendste Überraschung? Der lustigste Dialog? Das kann wirklich banal sein – Hauptsache: Spandau. Die besten Geschichten und Fotos möchte ich hier im Spandau-Newsletter veröffentlichen. Mail mit Stichwort „Mauerfall“ bis nächsten Dienstag an spandau@tagesspiegel.de. Die Buchgewinner lose ich dann aus. 

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Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau entnommen. Den – kompletten – Spandau-Newsletter, den wir Ihnen einmal pro Woche schicken, können Sie ganz unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de

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