Nachbarschaft

Veröffentlicht am 13.08.2019 von André Görke

Oli P., 41, Musiker. – Oliver Petszokat hat Millionen Platten verkauft, ist Musiker, Schauspieler, Moderator. Vor allem aber: Der Mann ist Spandauer, stammt aus Hakenfelde. Den Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel kennt er auch. Na dann: Das Telefon klingelt, eine Handynummer, Petszokat ist dran.

Hallo Herr Petszokat, ich habe gerade in Ihre neue Platte reingehört, „Alles Gute“ heißt die. Sie interpretieren Songs aus den 80ern und 90ern neu. Gefühlt sitze ich wieder als kleiner Junge in der Gartenschaukel bei meinem Opa und summe die Lieder mit. Es gibt Bratwurst, und im Hintergrund singen Roland Kaiser, Howard Carpendale oder auch Heinz-Rudolf Kunze „Dein ist mein ganzes Herz“. „So eine Gartenschaukel hatten wir auch – grünes Gestell, roter Überzug.“

Das ist auch Ihr Kopfkino zu diesen Schlagern? „Nein, das nicht, ich habe einen anderen Moment im Kopf. Ich sitze als Kind auf dem Rücksitz im Auto meines Vaters Reinhard – ein Klassiker, Audi 80. Mutter sitzt vor mir und hat einen dieser typischen Sitzbezüge aus Holzkügelchen. Papa hat Zugriff aufs Blaupunkt-Radio mit Kassetten-Deck. Der Sound ist nicht wirklich gut. Wir fahren los in Hakenfelde, wollen nach West-Deutschland zu den Verwandten in Vlotho. In Staaken dann: DDR-Grenzkontrolle, warten und schließlich fahren wir über die Transitstrecke – und wir im Auto singen alle Lieder mit, gemeinsam als Familie. Was für ein Spaß!“

Ihr Vater ist Polizist. „Genau, Hauptkommissar, erst an der Radelandstraße, später in Ruhleben. Aber im Herzen ist er auch Musiker, ein Schlagzeuger mit richtiger Band. Ich zeige ihm meine Lieder immer vorher, schon in der Entstehung, das mache ich sonst nicht. Aber mein Vater versteht richtig was von Musik und… darf ich kurz ausholen?“

Klar. „Ich hatte mein Album schon fertig. Sechs Monate hatte ich daran gearbeitet, da kam dieser Anruf von Florian Silbereisen. Ob ich bei der Roland-Kaiser-Show mitmachen wolle? Ich nur so: Wie geil, Roland Kaiser?! Klar. Ich habe ein Lied gewählt, das etwas weniger bekannt ist – „Lieb mich ein letztes Mal“. Daraus habe ich eine eigene Nummer gemacht, mit eigenem Stil, eigenem Beat, moderner halt. Am Ende der Fernsehshow kam Roland Kaiser an. Er war wirklich beeindruckt und lobte mich, wie es Berliner nun mal so machen: „Haste jut jemacht, Junge“. Kaiser ist Weddinger, das Lob war also groß. Ich stellte das Konzept meiner Platte auf den Kopf und kramte in meinen Erinnerungen. Ich wollte meine Lieblingsschlager neu interpretieren.“

Mussten Sie beim Dreh des Musikvideos nicht lachen? „Nein, warum denn auch? Das ist doch keine Parodie – das ist Musik, das sind gute Texte, große Künstler, Melodien, die früher das ganze Land kannte. Da singen 80-Jährige mit und heute 18-Jährige. Jeder Song verdient Respekt. Aber natürlich, Spaß hat mir das alles auch gemacht.“

Müssen Sie privat singen, also bei Hochzeiten oder Geburtstagsfesten im Garten? „Nein, da bin ich der Oli. Ich sag‘ immer: Ich bin gern euer Gast, ich tanze mit euch die Tanzfläche in Grund und Boden, aber Musik ist mein Beruf. Das kann ich gut trennen. Ich mache das fast seit meiner Kindheit, seit über 20 Jahren.“

Wie war das damals: Sie waren auf der Schule und plötzlich Teenie-Star bei GZSZ. „Naja, ich bin auch auf Partys gefahren und nachts mit dem Bus zurück nach Hakenfelde, aber mit 18 war abrupt Schluss. Als mein Gesicht im Fernsehen war, konnte ich keinen Club mehr betreten. Das hat einfach keinen Spaß gemacht, wenn dich so viele erkennen. Da war meine Jugend in Spandau vorbei.“

Welche Schule haben Sie besucht? „Die Carl-Schurz-Grundschule, später das Hans-Carossa-Gymnasium. Das lag früher noch bei mir um die Ecke in Hakenfelde, da ist jetzt ein Aldi-Supermarkt drin. Ich war in der 11. Klasse, bekam das Angebot, bei der RTL-Serie mitzumachen. Mein Produzent sagte: „Keine Sorge, Oli – Schule, Abitur und Filmdreh kriegen wir unter einen Hut.“ Von wegen. Meine Lehrer boten mir sogar Hilfe an, aber keine Chance, keine Zeit, vorbei. Ich stehe heute noch mit alten Schulfreunden in Kontakt. Ich bin ja oft da, jogge die Tennisplätze entlang, am Stadion Hakenfelde vorbei. Und wenn ich mit dem Auto über die Brücke in der Wasserstadt fahre, denke ich: Hoppla, verändert sich das hier alles.“

Wo ist Zuhause für Sie? „Oh, damit tue ich mich echt schwer. Natürlich bei meinen Eltern in Hakenfelde. Aber ich lebe seit 2005 in Köln, ich habe einen Sohn, der ist 20. Ich habe mich von meiner ersten Frau getrennt, dann wieder neu verliebt und habe vor acht Jahren noch mal geheiratet. Die Oma wohnt im Erzgebirge. Sie merken: Wir sitzen viel im Auto.“

Schalten Sie mal das Autoradio im Kopf an. Welchen Song wollen Sie noch singen? „‚Ich wollte nie erwachsen sein‘ von Peter Maffay.“ – Foto: Julian Huke/promo; Interview : André Görke
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Dieses Interview habe ich als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau entnommen. Den – kompletten – Spandau-Newsletter gibt es unkompliziert und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de. Ich freue mich auf Sie!

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