Nachbarschaft
Veröffentlicht am 27.08.2019 von André Görke
12 Bezirke, 12 Portraits – einmal pro Woche in unseren Tagesspiegel-Newslettern aus jedem Berliner Bezirk. Diesmal: Jens Julius, 58, aus Spandau. Er ist BVG-Mitarbeiter und ehemaliger SPD-Politiker aus der Wilhelmstadt. Hier spricht er über eine berühmte Schule, seine Lieblings-Buslinie und seine Wünsche an die Spandauer Politik.
Herr Julius, wo liegt Ihr Spandau? „In der Wilhelmstadt. Ich gehöre zum ersten Jahrgang der Bertolt-Brecht-Schule, 1974 war das. Bestimmt erinnert sich so mancher noch an den Asbest-Bau, der dort stand. Die Schule wurde auf einer Kleingartenkolonie gebaut, also dort, wo heute Obi steht. Es war ein dunkles Haus, es gab sogar Klassenzimmer ohne Fenster – wir hatten eine moderne Klimaanlage. Tja, und wenn Scherzkekse eine Stinkbombe dabei hatten und das alles über die Lüftung verteilt wurde, fiel der Unterricht zwei Tage aus.“
Die alte BBO wurde 1989 wegen Asbestfasern geschlossen, die Kinder wurden auf andere Schulen verteilt. Bis 1990 entstand der markante Neubau nebenan. Was war da eigentlich vorher? „Wo heute die BBO steht, waren früher zwei Handballplätze. Und Handball mochte ich eh, ich war vier Mal Berliner Jugend-Meister mit Blau Weiß Spandau an der Werderstraße und später Trainer bei VfV Spandau.“
Herr Julius, Sie waren Fraktionschef der SPD, die 1. BVV nach der Sommerpause steht an, Sie kennen das alles, dazu gleich mehr. Was haben Sie beruflich gemacht in Spandau? „Nach meiner Glaserlehre wurde ich Busfahrer bei der BVG. Meine Lieblingslinie war die 13. Von Heiligensee ging’s durch den Wald nach Spandau und über die Rieselfelder immer an der Mauer lang bis zum neuen Friedhof an der Maximilian-Kolbe-Straße. Da war in den 80ern nichts, nur eine Endhaltestelle im Grünen. Morgens, wenn die Sonne aufging und ich auf die Felder guckte… da bekam ich ein Freiheitsgefühl. Damals stand ja die Berliner Mauer, wir kannten das nicht anders. Heute bilde ich Busfahrer aus.“
Blieben Sie die ganze Zeit in Spandau? „Klar. Hier ist meine Heimat, so wie ich sie definiere mit allen Stärken und Schwächen des Bezirks. Ich mag die Mischung der Menschen in diesem Bezirk, in dieser immer unfertigen ‚Perle des Havellandes‘. Ich bin hier mit allen Bordsteinkanten und Laternen per du. Am meisten mag ich es, mit dem Rad am Lindenufer zur Freilichtbühne Zitadelle zu fahren. Diese einzigartige Lokation mit dem Charme der 70er… Spandau wird maßlos unterschätzt.“
In den 80ern sind Sie in die SPD eingetreten. „Ich gehörte 25 Jahre der BVV Spandau an, ehrenamtlich, wie alle dort. Ich war Fraktionsvorsitzender der SPD von 2006 bis 2011, aber 2016 war für mich Schluss. Es gab mir zu viele Vorgaben aus der Parteispitze, da bin ich erstickt. Die SPD verlor die Ecken und Kanten. Weil die Partei beliebig wurde und ich keine Parteileiche sein wollte, bin ich ausgetreten nach 32 Jahren – schweren Herzens. In einer neuen Partei bin ich nicht.“
Ihr Wunsch an die Politik? „Dass die Spandauer Kommunalpolitik keine Parteipolitik betreibt, sondern ausschließlich sich in den Dienst der Bürgerinnen und Bürger stellt. Es gibt keine rechten oder linken Spielplätze. Es gibt nur gute oder schlechte Kommunalpolitik im Sinne der Sache. Es wird in der BVV unfassbar viel Zeit mit Parteipolitik vergeudet, die nur der Selbstbefriedigung dient.“
Ihr Rat in den BVV-Saal? „Mehr aufs Herz hören als auf Parteivorgaben.“ – Interview: André Görke
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Dieses Interview habe ich als Leseprobe dem Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau entnommen. Den – kompletten – Spandau-Newsletter mit exklusiven Nachrichten, Tipps, Terminen und gerne auch Humor gibt es unkompliziert und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de Ich freue mich auf Sie!