Nachbarschaft

Veröffentlicht am 05.11.2019 von André Görke

Helmut Kleebank, 54, seit 2011 Bürgermeister in Spandau. Hier im Spandau-Newsletter erzählt er seine Mauerfall-Geschichte.

Herr Kleebank, erinnern Sie sich an die Nacht des 9. November 1989? „Ich habe mit meiner Familie am Bismarckplatz in Spandau gelebt. Ich war frisch verheiratet, Krankenpfleger, 24 Jahre alt. Mein Arbeitsplatz lag an der Osloer Straße. Ich musste immer sehr früh raus, um 6 Uhr war Dienstbeginn in Wedding. Ich bin deshalb am 9. November 1989 zeitig ins Bett und habe den Mauerfall verschlafen. Am nächsten Morgen bin ich zum U-Bahnhof in die Altstadt gelaufen und in die erste U-Bahn gestiegen. Da merkte ich schnell, dass etwas anders war – es gab ja kein anderes Gesprächsthema. Als ich an der Osloer Straße die Treppen des U-Bahnhofs hochkam, habe ich sie gesehen und gehört: die Trabis, die über die Bornholmer rollten.“

Erinnern Sie sich an Reisen in die DDR? „Ja, an zwei. Als Kinder sind wir einmal mit der Schule nach Ost-Berlin und haben mit DDR-Fähnchen am Alexanderplatz gewedelt. Wir haben das alles nicht sehr ernst genommen – uns selbst allerdings auch nicht.“

Mal was billig im Intershop gekauft, Herr Kleebank? „Die zweite Reise trat ich mit meiner Fußballmannschaft an. Ich war Fußballer beim Spandauer SV, beim Spandauer SC, und irgendwann habe ich dann in der Betriebssportgruppe der Nervenklinik gespielt, wo ich gearbeitet habe. Ich war Linksfuß in der Abwehr. Wir sollten gegen irgendeine andere Klinikmannschaft spielen, in München war das. Naja, wir waren jung. Kurz nach der Einreise in die DDR fuhr unser Reisebus auch schon wieder runter von der Autobahn – da gab’s den ersten Intershop. Ich vermute stark, dass damals nicht alle nüchtern in München ankamen.“

Hatten Sie Ost-Verwandtschaft? „Nein, meine Familie stammt aus dem Aachener Raum. Aber meine Frau hatte Familien-Kontakt nach drüben, Süd-Brandenburg, Cottbus.“

Welche Ecke haben Sie nach dem Mauerfall 1989 lieben gelernt? „Zinnowitz auf Usedom. Meine Kinder haben fast jedes Jahr ihr Sommerferienlager an der Ostsee verbracht.“

Was planen Sie als Bürgermeister zum Mauerfall? „Wir in Spandau erinnern bewusst an den anderen 9. November – an die Pogromnacht 1938. Das machen wir am 8. November, das ist der Freitag, also ein Schultag, da können auch Klassen dabei sein. Wie treffen uns wie jedes Jahr am Lindenufer, unten am Mahnmal. 2020 dann feiern wir 30 Jahre Deutsche Einheit. Wir planen ein großes Fest in Ribbeck, gemeinsam mit unserem Partnerlandkreis Havelland und unseren Freunden aus Siegen-Wittgenstein aus Westfalen. Das wird groß.“ – Gespräch: André Görke

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  • Meine weiteren Themen aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Spandau – eine Auswahl.  +++ „Ich kam aus dem U-Bahnhof und sah sie kommen: die Trabis“: Mauerfall-Erinnerungen von Helmut Kleebank +++ „Ich spielte für den SSV, den SSC und die Nervenklinik“: Die Fußballer-Karriere des Bürgermeisters +++ Woher kommen die schnellsten Schüler? Das Ranking zum großen Waldschul-Lauf +++ „Plötzlich flog die Kirchentür auf“: Ein Spandauer Pfarrer erinnert sich an einen ganz besonderen Gottesdienst 1989 +++ Was die Kirchen in Friedrichshain und Spandau verbindet +++ „Neue Bänke, neue Wege, neuer Bürgerdialog“: So wird Spandaus schönster Parks umgebaut – die Scharfe Lanke +++ Abriss, die Zwote: Auch dem zweiten Stadion des Spandauer SV droht die Abrissbirne +++ Wasserstadt ohne S-Bahnanschluss: Keine Parkplätze, aber Bike- und Carsharing +++ Kulturzentrum JTW: „Wir haben uns geeinigt“ +++ Berlins bekanntester Fischer: War er am 9. November 1989 auf der Havel? +++ Rikscha ins Gotteshaus: Die Kirche tritt in die Pedale +++ Niemals vergessen: Erinnern an die zerstörte Synagoge am Havel-Ufer +++ Den kompletten Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau gibt es kostenlos und in voller Länger unter leute.tagesspiegel.de
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