Nachbarschaft

Veröffentlicht am 03.03.2020 von André Görke

Fritz Martin, 83, aus der Gartenstadt Staaken in Berlin-Spandau. Er hat 1975 den Spandauer SV trainiert, den „schlechtesten Zweitligisten aller Zeiten“. Hier die ewige Zweitliga-Tabelle im „Kicker“.

Lieber Herr Martin, eines vorneweg für die Leserinnen und Leser: Wir kennen uns. „Ja, aus der Schulzeit.“ (lacht vergnügt)

Sie waren mein Sportlehrer. Erinnern Sie sich eigentlich? „Klar, ich wollte aus dir einen Libero machen. So einer fehlte in unserer Schulmannschaft. Du warst schön groß, hattest Statur. Ich dachte an die ‚Walz aus der Pfalz‘. So wurde der Hans-Peter Briegel vom 1. FC Kaiserslautern genannt. Aber im Verein hast du offensiver gespielt, du wolltest lieber angreifen…

…und plötzlich nahmen Sie mich lieber mit zum Kugelstoßen. „Hätte ja passen können.“

Lassen wir mal meine steile Karriere als Fußballer und Kugelstoßer beiseite, Herr Martin. Der Grund, warum ich Sie anrufe, ist ein anderer: Neulich habe ich Ihren Namen beiläufig im Newsletter fallen lassen. Sie sind eine kleine Berühmtheit im deutschen Fußball. Sie waren 1975 der Trainer des Spandauer SV. Der wurde berühmt als „schlechtester Zweitligist aller Zeiten“. „Kann nicht jeder von sich behaupten!“ (lacht)

Sogar die ARD hat mal einen lustigen Film über Sie gedreht und gerätselt, wo Sie stecken. „Den Film kenne ich! Von dem Video haben mir Nachbarn in einer Kneipe berichtet: Du, Fritze, die reden über dich im Fernsehen.‘ Was habe ich mich gefreut, als ich den Film auf Youtube entdeckt habe. Die haben mich schön auf die Schippe genommen.“

Aber keiner wusste, was Sie eigentlich gemacht haben. Letzte Woche meldeten sich dann Ihre Nachbarn bei mir und richteten völlig überraschend schöne Grüße aus. Geht’s Ihnen gut? „Ja, klar.“

Erzählen Sie mir Ihre Geschichte, wie das damals war als Cheftrainer beim Spandauer SV? „Ich war Referendar an der Freiherr-vom-Stein-Schule. Ich war 30 Jahre alt, unterrichtete nach dem Studium Sport, Englisch und Latein. In meiner Klasse saß ein Mädchen in der 1. Reihe und fragte mich, ob ich nicht Jugendtrainer werden wolle. So kam ich zum Spandauer SV und hatte zwischenzeitlich sogar mal die 1. Männer-Mannschaft trainiert. 1975 kamen dann die Aufstiegsspiele in die 2. Liga.“

Der Spandauer SV war überraschend Berliner Meister geworden. „Genau, und ich stand als Zuschauer auf der Tribüne. Unten auf dem Rasen gewann der SSV gegen Oldenburg, alle jubelten und als ich nach Hause kam, klingelte plötzlich mein Telefon. Der Präsident war dran, Hans Kuchenbecker: Ich solle doch bitte mal rumkommen. Ich bin am nächsten Tag nach der 2. Stunde rüber zum SSV-Platz gefahren und erfuhr vom Plan des Vereins: Der eigentliche Trainer hatte keine DFB-Lizenz – ich schon. Mich hatten sogar Sepp Herberger und Helmut Schön im Olympiastadion geprüft.“

Warum hat denn der richtige SSV-Trainer nicht einfach seinen Trainerschein nachgeholt? „Keine Zeit! Er hat ja Versicherungen verkauft im Hauptjob. Also war ich der Strohmann mit der DFB-Lizenz und gab meinen Namen her. Ich trug einen Trainingsanzug, saß auf der Ersatzbank, war offiziell 2.-Liga-Trainer, hatte aber nichts zu sagen. Umsonst müsse ich das aber auch nicht machen, hatte der Finanzier vom SSV zu mir gesagt. Das war ein Geschäftsmann aus dem Metall-Gewerbe am Lindenufer. 1000 Mark bekam ich dafür. Naja, als Referendar hatte ich 350 Mark bekommen – ich war also reich!“ (lacht)

Plötzlich spielten Sie mit dem Spandauer SV vor 30.000 Fans im Westfalenstadion gegen Borussia Dortmund. Oder gegen Bayer Leverkusen, Arminia Bielefeld, FC St. Pauli und… „Ach! Ich war doch gar nicht bei allen Spielen dabei. Ich war ja immer noch Lehrer im Hauptberuf und Profifußball war eine ‚meldepflichtige Nebentätigkeit‘. Das musste ich natürlich akkurat bei der Schulbehörde anmelden. Ich bin also zum Stadtrat ins Rathaus, Alfred Blödorn hieß der, und habe ihn über meinen Job in der 2. Liga offiziell informiert. Er sagte streng: Herr Martin, Herr Martin, aber nicht mehr als 4 Stunden pro Woche neben der Unterrichtszeit!“

So lange brauchten Sie doch aber schon mit dem SSV-Reisebus zum Grenzübergang in Helmstedt. „Naja, Wochenende war Wochenende, das war nicht so streng. Aber ehrlicherweise war der Stadtrat SSV-Fan, Vereinsmitglied beim Spandauer SV und genau so froh über die Sensation, dass wir mit Spandau im Profifußball mitspielten. Der konnte doch gar nicht anders als Ja sagen, sonst wären ihm die Bürger in Spandau aufs Rathausdach gestiegen.“

Herr Martin, Ihre Bilanz ist so lala. Der SSV hat 32 von 38 Spielen verloren und 115 Tore kassiert. „Wir hatten fast nur Männer aus Spandau – na gut, auch aus Charlottenburg, die haben wir eingemeindet. Wir waren jedenfalls keine Profimannschaft und hatten keine Chance. Unser richtiges SSV-Stadion an der Neuendorfer Straße…“

…das lag neben der alten Schultheiss-Brauerei direkt an der Havel, heute zwischen Feuerwache und Centro Vital. „Unser richtiges SSV-Stadion an der Neuendorfer Straße hat einen Makel: Der Rasen war dummerweise einen Meter zu kurz, um dort im Profifußball spielen zu dürfen. Also mussten wir ins Stadion am Askanierring ausweichen. Die größte Investition war damals – ein Zaun (lacht). Den musste der Bezirk laut DFB-Vorschrift bauen, damit die Fans nicht den Rasen stürmen. Ein Witz! Wir waren doch der Spandauer SV, bei uns kamen doch gar keine Zuschauermassen und… wissen Sie eigentlich, dass wir einen Nationalspieler hatten?

Der war aber leider kein Fußballer. „Nee, Helmut Kosmehl war Handballer. Er hatte beim VfL Gummersbach gespielt und wollte die Lizenz zum Fußballlehrer machen. Dafür musste er aber sechs Monate lang ein Praktikum bei einem Profiverein absolvieren. Als er bei uns ankam und wir ihn sahen, dachten wir uns: Och, der Junge ist fit, kann sich gut bewegen, der spielt mit. Was für eine lustige Geschichte. Aber am Ende sind wir logischerweise abgestiegen. Alle waren froh, dass wir uns für dieses einmalige Abenteuer nicht verschuldet hatten. Sonst wäre der SSV noch viel früher pleite gegangen und nicht erst 2014.“

Und Sie wurden wieder ganz normaler Lehrer? „Das war ich doch die ganze Zeit! Und ich blieb es bis 1998, immer am Stein-Gymnasium. Ich wollte nirgendwo anders hin. Ich habe da alles mitaufgebaut. Da gab es früher nur einen schlimmen Schotterplatz mit einem Tor, dessen Latte in der Mitte gebrochen war. Irgendwann kamst du dann in meine Schulklasse und ich suchte einen Libero, aber die Geschichte habe ich ja schon erzählt.“

Herr Martin, wie halten Sie sich heute fit? „Ich habe drei Enkelkinder, tolle Nachbarn und einen schönen Park hier in der Gartenstadt Staaken vor der Haustür. Und ich bin gern in Frankreich am Atlantik. Da helfe ich meinem Freund Gerard beim Austernfischen, so richtig im Gummianzug im Meer. Das alles hält mich fit.“

Kein Fußball mehr? „Nein, bis vor eineinhalb Jahren habe ich noch Trainer ausgebildet beim Berliner Fußball-Verband. Ich bin jetzt 83 Jahre alt, mir geht es gut. Aber ich will nicht als Fossil auf dem Fußballplatz sterben.“ – Interview: André Görke

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