Nachbarschaft

Veröffentlicht am 07.07.2020 von Robert Klages

Vor rund zwei Wochen bin ich an den „CCC-Filmstudios, auch „Haselwood“ genannt (siehe Intro), vorbeigelaufen. Ich war auf dem Weg zum „Hit and Run“-Kino – da machen ein paar nette Leute Filmvorführungen an besonderen Orten. „Unbekannte Filme an unbekannten Orten“, wie es heißt. Wer in dem Email-Verteiler ist, bekommt eine Mail mit einem Ort – an diesem Tag war es der U7-Bahnhof Haselhorst, von wo aus man Kreidepfeilen auf dem Boden folgen sollte. Der Weg führte uns bis in die Rhenaniastraße 9 – 17.

Dort dienten umgedrehte Plastikmülleimer als Kinostühle und es lief „In the Realms of the Unreal“, eine Dokumentation (USA 2004) über einen Künstler aus Illinois, der seine Jugend in einem Heim für geistig behinderte Kinder verbrachte. Nach seinem Tod entdeckte man Zeichnungen und Texte von ihm. Ein gruseliger und bedrückender Film. Das „Hit and Run“-Kino stimmt Ort und Film aufeinander ab. So versprach die Einladung diesmal:

„Drei Hallen voller Objekte, das Gelände wirkt abseits, chaotisch und überwuchert. Ein Künstler lebt hier in seiner eigenen merkwürdigen und versteckten Welt. Zwischen halb fertiger Kunst und den Resten seines kreativen Lebens sehen wir „In the Realms of the Unreal“. Während der Film auf die improvisierte Leinwand flimmerte, stand ich auf und lief über das Gelände, durch feuchte Holzschuppen mit rostigen Maschinen und Werkzeug.

Ich bin kein großer Kunstkenner, aber ich sah Bilder, Zeichnungen und Werke, die offenbarten, dass hier jemand sein Handwerk versteht – die Objekte waren anders, ich kann es nicht genau beschreiben, aber sie setzten sich ab von dem, was ich bisher gesehen hatte. Ich sah, dass da jemand mit vollem Einsatz eines leidenden Geistes etwas erschaffen hatte. Das von mir gemachte Foto vermittelt einen Eindruck, aber nicht die düstere, unangenehme Wirkung, die diese und andere Bilder ausstrahlen – was sicherlich auch am Setting des Tages lag.

Ich dachte, die nehmen mich auf den Arm, das muss alles Show sein. Dann traf ich Carl Brunmayr. Groß, alt, laut, langer weißer Bart. Er malt, seit er 13 Jahre alt ist. In einem Ordner zeigte er mir weitere Bilder, Portraits. Brunmayr hat auch Artur Brauner gemalt, die Filmlegende, die im letzten Sommer verstorben ist und dessen Filmstudios in der Nähe liegen (siehe Intro). Er erzählt, er sei hier auf dem Gelände früher mal der Hausmeister gewesen. Jetzt wolle man ihn vertreiben.

Das Gewerbegebiet in der Rhenaniastraße soll plattgemacht werden. Es gehört zum Neubauquartier „Waterkant Berlin“, dem größten Projekt der Gewobag und der WBM. 2500 Wohnungen sollen entstehen. Die Gewobag schreibt mir auf Anfrage, man habe bereits mit den Abbrucharbeiten in der Rhenaniastraße begonnen. „Wir haben in den letzten Jahren zahlreiche Gespräche mit den Gewerbetreibenden geführt und unterstützen sie selbstverständlich auch weiterhin bei der Suche nach entsprechenden Ersatzflächen in unserem Bestand.“

Bis zum 30. Juni durften die letzten Mieter bleiben – laut Gewobag eine „Verlängerung der Räumungsfrist unter der Bedingung, unser Grundstück nach Fristende zu räumen.“ Nicht alle Mieter hätten dieses Angebot angenommen, zehn Vertragsparteien würden sich derzeit noch auf dem Grundstück befinden. Zu den Streitigkeiten mit Brunmayr möchte sich die Gewobag „aus Datenschutzgründen“ nicht äußern. Auch nicht dazu, wann geräumt werden soll und wie viele Räumungsversuche es bisher gegeben hat. Die Coronakrise habe keine Auswirkungen auf die Durchsetzung der Räumungspflicht.

Früher testete die „Königliche Preußische Gewehrfabrique“ von „Soldatenkönig“ Kaiser Wilhelm I. Kanonen auf dem Gelände. Das Spandauer Werk wurde erst 1918 geschlossen. Nach dem Ende der Königlichen Pulverfabrik siedelte sich später ein Getränkeabfüller an. Bald malte Brunmayr hier seine Bilder, neben seiner Arbeit als Hausmeister und Schweißer für die rund 20 Mieterinnen und Mieter auf dem Gewerbehof. Er fertigte Edelstahlbilder, hatte Ausstellungen. „Ich habe auch mal ganz nobel gelebt“, lacht er. „Aber ich habe gedacht, ich sei der Größte und Beste.“

Einmal sei ein Arzt zu seiner Vernissage gekommen, erzählt Brunmayr. Der wollte aber nicht etwa die Bilder kaufen, sondern die Edelstahlregale, auf denen diese standen. Brunmayr hatte auch diese selbst gefertigt. Der Arzt wollte darauf seine Burmester Stereoanlage platzieren und kaufte sie Brunmayr für 6000 Mark ab. Daraufhin meldeten sich immer mehr Leute, die ebenfalls Regale kaufen wollten. Brunmayr gründete eine Firma, die Möbel herstellte – er sagt, er sei damit sehr erfolgreich gewesen. Die Werkstatt befindet sich noch auf dem Gelände, wo er auch seine Bilder lagert. Als die Gewobag das Gelände kaufte, hätten sie ihm gesagt, er werde bleiben können, man brauche ihn als Hausmeister.

Brunmayr erinnert sich an Männer in Ganzkörperschutzanzügen, die Bodenproben entnommen hätten, es ist lange her. „Hier kann niemand wohnen“, hätten sie gesagt, „Quecksilber.“ Die Gewobag bestätigte auf Nachfrage, dass Maßnahmen zur Erkundung von Schadstoffbelastungen durchgeführt wurden. Es ließen sich demnach „keine Werte feststellen, die unserem Bauvorhaben vor Ort entgegenstehen“.

Brunmayr brachte Kameras auf dem Gelände an, weil er Diebstahl vermutete und dies beweisen wollte. Das habe der Gewobag nicht gefallen. Es kamen Anwälte und verlangten, er solle das Gelände räumen, es kam zum Rechtsstreit. Er sei der Geldwäsche verdächtigt worden, erzählt Brunmayr. Und wegen nicht gezahlten 50 Euro Steuern sei sein Konto gesperrt worden. Der Anwalt, der ihn vertreten hatte, habe plötzlich 70.000 Euro von ihm verlangt. „Dann habe ich dem Anwalt etwas gedroht, das gebe ich zu.“ Niemand verlasse die Erde lebendig, habe er zu ihm gesagt.

Am 31. Dezember drohte die erste Zwangsräumung. Sein ehemaliger Anwalt habe plötzlich mit der Gewobag zusammengearbeitet. Brunmayr ging zum Sozialamt. Eine Frau sei vorbeigekommen, mit Sicherheitspersonal, und hätte zum Beispiel gesagt, er sei nicht mittellos. Er könne seine Bilder verkaufen, oder seine 13 Fahrräder. Es handelte sich um Schrotträder, die er aber trotzdem für 100 Euro zusammen verkaufen könnte.

Seit 36 Jahren wohnt Brunmayr in Charlottenburg, unweit der Schaubühne. In Spandau war immer sein Atelier und Arbeitsplatz. Seine Wohnung zahlt mittlerweile das Sozialamt, ausstehende Mieten kann er in Raten abbezahlen. Weil er angeblich bei der Obdachlosenzählung des Senats im letzten Jahr als Obdachloser erfasst wurde, habe ihm das Sozialamt erneut Stress gemacht, denn er verfüge ja über eine Wohnung.

Die Gewobag habe ihm einen Container zur Verfügung gestellt, dort solle er sein Hab und Gut, seine Kunst, entsorgen. Für 60 Gemälde habe er einen Raum bei einem Freund gefunden. Für alle Bilder, die er in diesem Jahr gemalt habe, gebe es noch keine Lösung. Er wolle sie gerne verkaufen, für 500 Euro das Stück, aber bei dem Preis habe man ihn ausgelacht.

Dann habe er alle Bilder zusammen für 500 Euro an einen Privatmann verkauft. „Mir blutet das Herz. Aber was soll ich machen?“ Auch mir bietet Brunmayr ein älteres Bild an. Er ist höflich, nicht aggressiv. Aber ich merke, dass er das werden kann. Und leider fällt er in seinen Erzählungen durch beleidigende und antisemitische Sprüche negativ auf. Als ich ihn darauf anspreche, sagt er: „Ich muss die Juden nicht lieben, aber die sollen mich in Ruhe lassen.“ Sein ehemaliger Anwalt sei Jude gewesen, und die von der Gewobag auch. Aber er male ja auch Artur Brauner, gegen den habe er nichts.

„Klar bin ich verrückt“, sagt Brunmayr. Die Gespräche mit dem Psychiater seien aber immer gut gewesen. Er sei derzeit im Grunde am Ende. Aber er werde weitermalen und solange in Spandau bleiben, wie es geht. „Es muss sich keiner Sorgen machen, es geht immer weiter, von einem Monat zum anderen. Eines Tages bin ich ein großer Künstler.“

Auch Gewerbetreibende in der Rhenaniastraße 35 und 36 werden geräumt. Dazu mehr in der Rubrik „Namen und Neues“.

Foto: Robert Klages

+++ Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau entnommen. Den gibt es in voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

Mehr Themen aus dem Spandau-Newsletter:

  • Wo Romy Schneider spielte und die Netflix-Serie „Dark“ produziert wurde: Wie steht es um „Haselwood“, das Hollywood Spandaus?
  • „Es ist leicht, die bösen Kapitalistenkinder für die Schließung des Colosseums verantwortlich zu machen“: Alice Brauner spricht über das Vermächtnis ihres Vaters Artur Brauner
  • Streit um Maskenpflicht: Bäckerei-Personal beschimpft und beleidigt