Nachbarschaft
Veröffentlicht am 21.07.2020 von André Görke
Wolfram Tessmer, 54, aus Berlin-Hakenfelde. Er bildet mit Elke Zippel die neue Doppelspitze im Vorstand des Spandauer Ruderclubs „Friesen“, kurz SRCF. Der Klub hat sein Vereinsheim neben der Freybrücke (Heerstraße). www.srcf.de
Hallo Herr Tessmer, Sie dürfen seit Freitag wieder aufs Wasser. Erreiche ich Sie auf der Havel? „Nein (lacht), wir können telefonieren.“
Na dann: Moin, Moin. Sie sind Vorstand beim RC Friesen. Was ist bei Ihnen eigentlich friesisch? „Friesisch? Das hat mit Ostfriesen oder Nordfriesen gar nichts zu tun, sondern mit Karl-Friedrich Friesen. Der war ein Kumpel von Friedrich Ludwig Jahn, dem Gründer der Turnbewegung. Nach dem wurde unser Verein benannt. Über 120 Jahre ist das jetzt schon her.“
Ihren Klub kennt jeder von der Heerstraße. Von der Freybrücke sieht man das weiße Vereinsheim mit dem Schriftzug „RC Friesen“. Wer kommt zu Ihnen? „Wir sind knapp 200 Sportler, bunt gemischt. Viele kommen aus Spandau, aber auch aus Westend – die Heerstraße ist ein Standortvorteil. Aber so ehrlich muss ich sein: Wir sind geschrumpft. Früher waren wir 250 Leute, wir sind alt geworden. Deshalb müssen wir unsere Jugendarbeit wieder stark machen – die haben wir vernachlässigt. Aber wir haben jetzt viele neue Jugendtrainer, wollen Familien und ehemalige Ruderer für uns gewinnen und Netzwerke mit anderen Rudervereinen gründen. Kurzum: Wir wollen moderner werden, aber unsere Tradition nicht vergessen.“
Warum sollten Eltern ihre Kinder zu Ihnen schicken? „Wer Lust auf frische Luft hat und keine Angst vorm Wasser, ist bei uns richtig. Und: Spaß am Sport ist wichtig. Wir sind kein Verein, der nur Bratwürstchen grillt und sich am Havel-Ufer sonnt. Wir sind ein Klub für leistungsorientierten Breitensport. Vor ein paar Jahren haben wir sogar WM-Juniorentitel in Hamburg und Rio geholt.“
Ihre Boote? „Unsere Flotte ist gut in Schuss und ziemlich modern. Als wir mal ein Jubiläum gefeiert haben, baten wir unsere Mitglieder um Spenden. So konnten wir zwei neue Achter anschaffen. Das war eine stolze Summe: So ein Achter kostet so viel wie ein Mittelklassewagen.“
Wo rudern Sie so hin in Spandau? „Die Havel rauf und runter. Wir können sogar ganz leicht an der Schleuse vorbei nach Norden, auf die Oberhavel. Dafür nutzen wir die Schleppe neben der Schleusenkammer an der Zitadelle – kostet 15 Minuten Zeit. Unsere Ruderboote ziehen wir einfach über eine Rampe neben der Schleuse vorbei. Wir können auch auf die Spree. Und wir sind natürlich auf der Unterhavel unterwegs, bis runter zum Wannsee.“
Viele Leserinnen und Leser berichten heute im Newsletter vom zunehmend anstrengenden Bootsverkehr. Ihre Erfahrung? „Stimmt. Bei uns fahren manche Sportler sonntags nur noch ganz früh raus, weil ab 10 Uhr so viele Motorboote im Sommer unterwegs sind. Die machen aber nicht nur Lärm, sondern auch Wellen. Da haben wir als Ruderer keine Chance mehr. Das ist eine einzige Schaukelei auf der Havel geworden.“
Was ist das beste Ruderwetter? „Windstill, leicht bedeckt, 15 Grad… das mögen Motorbootfahrer nicht, dann gibt es weniger Wellen (lacht).“
2021 wird das Havel-Ufer für 50 Mio umgebaut. Ist Ihr Verein betroffen? „Wir hätten beide Stege nicht nutzen können während der Bauarbeiten. Stellen Sie sich das mal vor: ein Ruderverein ohne Stege! Das konnte zum Glück verhindert werden. Einen Steg können wir auch 2021 während der Bauarbeiten nutzen.“
Und wenn Sie nicht im Ruderboot sitzen… „…dann bin ich als Diplom-Ingenieur bei einem Eisenbahnkonzern in Hennigsdorf tätig, also bei Bombardier. Seit 34 Jahren bin ich Ruderer. Und seit 1992 wohne ich in Spandau, Hakenfelde. Ich brauche Wald und Wasser – da ist Spandau optimal.“ – Gespräch: André Görke
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