Nachbarschaft

Veröffentlicht am 28.07.2020 von André Görke

Marcel Otto, 32, aus den USA. Hier spricht er über Florida, Berlin-Kladow und den Hertha-Fanclub Nord-Amerika (am Dienstag war Trainingsauftakt am Olympiastadion).

Herr Otto, was sehen Sie gerade aus dem Fenster? „Drei Palmen und einen Mangobaum. Die halten sich ganz gut bei diesem Wetter. Es ist leicht bewölkt, 90 F, also 32 C – laut Wetter App aber gefühlte 39 Grad Celsius.“

Was haben Sie mit Spandau zu tun?Ich bin in Kladow aufgewachsen. Grundschule am Windmühlenberg, später war ich in der ersten 7. Klasse auf der Hans-Carossa nach dem Umzug nach Kladow. An Sommertagen ging es dann an den Glienicker See oder auf den Fußballplatz hinter der Carossa.“

Was machen Sie als Kladower in Florida? „Ich schreibe fleißig an meinem Forschungsantrag für die Nasa.“

Wie kamen Sie dahin?Ich bin zum Studieren nach Orlando, Florida gezogen. Ich hatte damals in Berlin bei einer großen Firma mit S und gleichnamigen Ortsteil in Spandau gearbeitet, die ihrerseits sehr stark in Orlando vertreten sind. Herausgefunden, dass es dort auch eine Uni gibt, die eng mit dem Unternehmen zusammenarbeitet, insbesondere in meinem Studienfach Maschinenbau. Den Professor angeschrieben und ein halbes Jahr später saß ich im Flugzeug nach Miami. Mit dem Jetlag ging es dann vier Stunden weiter im Auto nach Orlando. Mietwagen für 5 Tage, zwei Nächte im Hotel – und zwei Koffer und dann hieß es mehr oder weniger ein neues Leben aufbauen. Im Dezember bin ich endlich fertig geworden und arbeite seitdem als PostDoc in meinem alten Labor. Mein Bruder ist auch hier…“

…noch ein Spandauer in Florida? „Nein, in Arizona. Das ist 30 Stunden Fahrt und über 3000 Kilometer entfernt.“

Was vermissen Sie aus Spandau? „Familie und Freunde. Durch Whatsapp und Skype kann man durchaus die Kommunikation aufrecht erhalten. Bei persönlichen Besuchen macht uns Covid19 leider einen Strich durch die Rechnung. Aber ich will mich nicht beklagen. In meinem Labor habe ich mit Kollegen aus Indien und Bangladesh zu tun und deren Lebensgeschichten sind nicht ohne. Wir können als Deutsche echt sehr dankbar sein, wie gut es uns geht und… ach, und Döner fehlt mir natürlich. Und zwar richtig.“ 

Was können Spandauer besser als US-Amerikaner? „Bierpreise! In Orlando gibt es mindestens 20 kleine Brauereien. Und ich weiß nicht warum, aber Berliner Weiße ist hier populär. Allerdings sind 6 Euro für ein Glas heftig – und dann kommt ja immer noch Mehrwertsteuer und Trinkgeld oben drauf. Die Ausflugsdampfer auf der Havel sind natürlich schon toll. Sowas gibt es hier nicht. Dafür bin ich ganz gerne Mal mit dem Boot in den Florida Keys unterwegs. Und Spandauer können Florida besser, also das Eis. In dieser Qualität gibt es hier weit und breit nichts. Generell Essen: Ich hatte schon etliche Kollegen nach Berlin eingeladen und die sind immer von Omas Rouladen begeistert.“

Sie sind im Hertha-Fanclub Nordamerika, oder? „Ja, stimmt. Wir sind ganz offiziell bei Hertha eingetragen. Ich bin durch Zufall bei Twitter darauf gestoßen. Ist eine gute Truppe. Wir sind so um die 75 Mitglieder, verstreut in Kanada, den USA und Mexiko. Ein paar „richtige“ Berliner, einige Amerikaner, die in Berlin aufgewachsen sind oder dort studiert hatten, einige, die einfach Fußball lieben und die irgendwie Hertha für sich entdeckt haben.“

Wie gucken Sie eigentlich die Spiele? „Zusammen gucken geht leider nicht. Die Spiele sind in der Regel immer um 9:30 morgens, da hat noch keine Kneipe offen und irgendwie ist das auch zu früh für Bier. Ich schaue das Spiel dann in der Regel mit meiner Freundin beim Frühstück und Kaffee. Sie ist inzwischen auch konvertierter Hertha-Fan. Und außerdem lebt der nächste Hertha-Fan, der mir bekannt ist, 700 Kilometer entfernt in Atlanta, Georgia. Wir haben eine aktive Whatsapp-Gruppe, in der an Spieltagen intensiv diskutiert wird. Im Januar war Hertha in Florida. Einige aus der Gruppe sind aus Texas, New Hampshire, Missouri und Georgia angereist. Für etliche vermutlich das erste Mal, dass sie Hertha live gesehen haben. Ich hoffe sehr, dass sie im nächsten Winter wieder hierher kommen.“

Sind da noch mehr Spandauer bei Ihnen? „Ich kenne nur einen weiteren Deutschen an meiner Uni, der kommt allerdings aus Franken. Im Fanclub ist allerdings noch ein weiterer Spandauer aus den USA.“

Newsletter-Leser? „Ihm wurde hier vor einigen Wochen zum Hochzeitstag gratuliert.“

Apropos Hertha und USA: Ein Wort zu Jürgen Klinsmann? „Ridiculousness.“ – André Görke
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