Nachbarschaft

Veröffentlicht am 04.08.2020 von André Görke

Sebastian Siekiera, 42, Vorstandsvorsitzender vom „Polnischen Olympia Club Berlin“ aus Spandau, kurz POC. Auf dem Foto ist er der Mann im weißen Shirt und mit Glatze – hier in größerer Auflösung. Auf dem Foto zeigen die Kinder ihre neuen Fußbälle und ein rotes Trikot mit dem Namen „Piatek“. Gemeint ist Krzysztof Piatek, den Hertha BSC im Winter vom AC Mailand holte. Auch er ist Pole und hat den Verein vom Grüngürtel in Spandau längst kennen gelernt. Das erklärt jetzt der Vorstand hier im Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau.

Herr Siekiera, seit wann spielt Ihr Verein in Spandau? „Immer schon, nur in den ersten Tagen nicht. 1989 kamen viele Polen nach Berlin. Die trafen sich in Steglitz im Park zum Fußballspielen. Das sprach sich aber schnell herum, wir wurden immer mehr Leute, also mussten wir professioneller werden. Und so gründeten wir im Juni 1989 unseren Verein. Das erste Spiel war gegen eine türkische Mannschaft, 15:0 oder so.“

Warum Olympia? „Wir nehmen unter der Schirmherrschaft des Polnischen Olympia-Komitees in Warschau am Spielbetrieb des Fußballverbands teil, deshalb Olympia.“

Wohin zogen Sie in Spandau? „Die Wiese in Steglitz haben wir schnell verlassen, wir brauchten ja einen echten Fußballplatz. Und so wurde der Fredy-Stach-Sportpark unsere Heimat. Der liegt gegenüber von Ikea in Spandau. Vor drei Jahren gab es die Chance, auf die Sportplätze am Grüngürtel zu ziehen. Haben wir sofort gemacht. Da ist vieles besser: Kunstrasen, Technik, Kabinen, alles schön modern.“

Wie viele Mitglieder haben Sie? „80. Seit Anfang des Jahres haben wir auch eine polnische Fußballschule. Die Kinder trainieren allerdings in Charlottenburg, weil es halt zentraler ist. Angefangen haben wir mit 15 Kindern, jetzt sind es schon 40. Die Schirmherrschaft hat übrigens Artur Wichniarek.“

Der ehemalige Stürmer von Hertha BSC? „Ja, er wohnt nahe Berlin in Kleinmachnow und hat beruflich auch in Spandau zu tun. Er kommt ab und zu zum Kindertraining.“

Ist bei Ihren Heimspielen am Grüngürtel etwas speziell polnisch? „Nee, da gibt es keine Bräuche oder Bratwürste (lacht), da wird höchstens polnisch geredet.“

Gibt es Treffpunkte der Polen in Spandau? „In Berlin leben über 100.000 Polen oder Menschen mit polnischen Wurzeln. Extrem viele sind in Spandau zu Hause, vor allem in Staaken. Viele sind schon mit ihren Familien hier, andere kommen wegen der Arbeit. Wir als polnischer Verein sind dazu verpflichtet, diesen Leuten zu helfen. Integration, Anpassung, alles was dazu gehört. Unser Verein ist wie eine große Familie. Die lernen durch den Verein neue Leute kennen. Wir helfen auch außerhalb, zum Beispiel bei Behördengängen.“

Neben Artur Wichniarek haben noch mehr prominente Sportler mit Ihrem Verein zu tun. „Der ehemalige Europameister im Boxen, Mateusz Masternak, ist Ehrenmitglied. Wie auch der einstige Hertha-Profi Piotr Reiss. Mit dem trinke ich gerne mal ein Käffchen.“

Was ist mit Herthas neuem polnischem Stürmer Krzysztof Piatek? „Ich hatte seinen Manager gerade am Telefon.“

Was ist passiert? „Wir waren bei seinem ersten Spiel im Olympiastadion. Im Winter war das, da war Corona noch kein Thema. Unsere Kids hatten extra Plakate für Krzysztof gemalt, trugen polnische Schals und Fahnen und riefen seinen Namen im Stadion… aber nach Abpfiff kam er leider nicht zu uns. Da haben viele Kinder geweint, also habe ich seinem Manager einen Brief geschrieben. Der hat ganz schnell geantwortet. War ein Missverständnis. Krzysztof wollte es schnell wieder gut machen. Und so bekamen die Kinder 30 Bälle, und wir haben ein Trikot mit seinem Namen hergestellt. Das bekommt er von uns, wenn er mal beim Training vorbeischaut.“

Und was machen Sie sonst so? „Ich lebe seit 29 Jahren in Deutschland. Ich kam mit 14 nach Berlin, mit meinen Eltern. Heute arbeite ich als Projektleiter bei einem großen Logistik-Unternehmen.“ – Gespräch: André Görke

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Dieser Text stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau. Die Newsletter für die 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge hier leute.tagesspiegel.de
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