Nachbarschaft

Veröffentlicht am 01.09.2020 von André Görke

Santiago di Compostela hat seinen Jakobsweg, jetzt kriegt auch Berlin-Spandau einen Pilgerweg. Am 5. September ist Eröffnung. Der Spandau-Newsletter sprach darüber mit Marion Götz, einer der Organisatorinnen.

Rucksack schon gepackt, Frau Götz? „Noch nicht. Aber Käsestulle, Apfel und Wasserflasche werden mit Sicherheit drin sein – und das Wichtigste: unser Pilgerführer und der Pilgerpass.“

Wo ist der Start am Sonnabend? Es starten alle Gemeinden zeitgleich um 10 Uhr mit Glockengeläut und Kurzandacht. Allerdings wird es eine ‚Anlaufstelle‘ geben, nämlich die Lutherkirche, in der es ein wenig offizieller sein wird. Daher wird unser Projektteam, zu dem auch ich gehöre, dort starten. Hier ist Pfarrer Karsten Dierks zu Hause.“

Und wo geht’s als Erstes hin? „Anschließend werden wir eine erste Strecke zum Marktplatz in der Altstadt pilgern, denn an diesem Tag feiert dort auch die Mahnwache für Toleranz und ein friedliches Miteinander – gegen Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit ihr 20-jähriges Bestehen. Eine irre Leistung, sich 20 Jahre lang jeden ersten Samstag im Monat dort hinzustellen und auf die bestehenden Missstände aufmerksam zu machen. Davor habe ich große Achtung.“

Wie viele Leute kommen denn so? „Schwer einzuschätzen, da sich der Start ja auf insgesamt 24 Kirchen verteilt und ganz sicher auch vom Wetter abhängig sein wird. Übrigens sind mit St. Markus und St. Marien am Behnitz auch zwei katholische Pilgerkirchen dabei.“

Auf welche Strecke freuen Sie sich persönlich? „Wir haben die 74 Kilometer lange Pilgerstrecke in drei Rundwege ‚Stadt‘, ‚Land‘, ‚Fluss‘ unterteilt. Alle Strecken haben ihren Reiz – aber ich freue mich auf den Flussweg. Er führt mich in alte Gefilde und dabei auf einige Wege, die ich so noch nicht gegangen bin.“

Wie funktioniert das mit dem Pilgerweg auf dem Wasser? „Letztendlich wird es eine begleitete Kanutour geben mit Start vom Havelheim am Johannesstift. Hier lagern die Kanus unserer Jugendarbeit. Die reine Paddelzeit wird ungefähr vier Stunden betragen. Anmeldungen, auch von Familien, sind noch möglich unter haeuser@kirchenkreis-spandau.de

Wie kam es überhaupt zu der Idee? „Die Idee für einen Pilgerweg entstand auf einem Workshop mit dem Thema „Alternativen zum Spandauer Kirchentag“. Neben der Lust am Pilgern war entscheidend, dass all die vielen unterschiedlichen Kirchen gleichermaßen im Fokus stehen. Man kann als pilgernde Spandauerin oder Spandauer ’seinen‘ Stadtteil mit anderen Augen sehen. Der große Aufwand – eine super Leistung der vielen Ehrenamtlichen! – die Strecken auszuarbeiten und zu markieren, hat sich gelohnt. Denn die Wege bleiben ja bestehen und können dann jederzeit gelaufen werden. Das hat auch den Bezirk, insbesondere die Abteilung Tourismus, begeistert.“

Schon mal „richtig“ gepilgert? „‚Richtig‘ gepilgert bin ich noch nicht, wenn das bedeutet, mehrere Tage am Stück zu gehen.  Dazu muss ich erst noch das Laufen mit Gepäck trainieren. Allerdings haben mein Mann und ich dieses Jahr den Paul-Gerhardt-Weg angefangen. Dieser geht an der Nikolaikirche in Mitte los und endet im Spreewald. Wir laufen immer eine Etappe und fahren dann nach Hause, um beim nächsten Mal an der aufgehörten Stelle wieder loszulaufen. So kann man das auch mit dem Spandauer Pilgerweg machen. Die Pilgerstempel an den Kirchen sind jederzeit zugänglich und ganz stolz sind wir darauf, dass man jetzt auch bei geschlossen Kirchen einen Blick hineinwerfen kann. Wir haben von allen Kirchen 360-Grad-Aufnahmen machen lassen, die über einen QR-Code im Internet abgerufen werden können.

Was geht gar nicht beim Pilgern? „Neue oder unbequeme Schuhe, den Pilgerpass vergessen und seinen Müll liegen lassen.“

Was haben Sie privat mit Spandau zu tun? „Oh, eine ganze Menge: Getauft von einem Diakon aus der Laurentius-Gemeinde – der Sohn wurde mein Patenonkel-, aufgewachsen in Haselhorst, wir gehörten zu den ersten Bewohnern in den neuen Hochhäusern der Lünette – konfirmiert und getraut in der Weihnachtskirche – zur Schule gegangen in Siemensstadt und dort am Schuckertdamm im „Chris“ die ersten Feten gefeiert. Damit meine ich das Gemeindehaus der Christophoruskirche. Mit meinen Großeltern – beide wohnten in der Wilhelmstadt – viel im Südpark gewesen, wo ich auf dem zugefrorenen See das Schlittschuhlaufen lernte. Mit der eigenen jungen Familie in die Pichelsdorfer Straße gezogen und zum Gottesdienst in die Melanchthonkirche gegangen. Später Umzug nach Staaken. Die Kinder in die evangelische Kita an der Zuversichtskirche gebracht. Dort wurden sie dann auch konfirmiert. Ich bin also in Spandau ganz gut rumgekommen. Was mir fehlte – Hakenfelde, Falkenhagener Feld, Gatow und Kladow – habe ich verstärkt durch meine ehrenamtliche Tätigkeit im Kirchenkreis kennengelernt. Wobei ich Kladow natürlich auch mit dem Dampfer besucht habe.“

Gibt es eigentlich einen Pilgergruß? „Auf die Idee mit dem Pilgergruß sind wir tatsächlich noch nicht gekommen – vielleicht fällt uns da noch etwas ein. Erkennungszeichen selber ist ein lila Halstuch mit dem Logo des Kirchenkreises. Im Notfall übrigens auch als Mund-Nasenschutz nutzbar.“

Ihre Lieblingskirche in Spandau? „Wir haben ja ganz unterschiedliche Kirchen in Spandau: die alten Dorfkirchen, die großen Backsteinkirchen, die Stahlbetonkirchen aus der Nachkriegszeit. Das ist wie mit der Musik, manchmal mag man es laut und kräftig, das andere Mal sind es eher die leisen Töne… Ganz entscheidend sind aber die Menschen, die einem dort begegnen, die das Besondere dieser Kirche ausmachen. Was mich oft besonders berührt, ist der Gedanke, wie viele Menschen schon hier gewesen sind, sich gefreut haben, dankbar waren oder zutiefst traurig und verzweifelt. Wenn man still wird, habe ich oft das Gefühl, man kann es spüren.“ – Text: André Görke
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Dieser Text erschien zuerst im Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau. Die Tagesspiegel-Newsletter für die einzelnen 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge unter leute.tagesspiegel.de
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Mehr Top-Themen aus dem aktuellen Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel – hier eine Auswahl

  • S-Bahn nach Staaken: 23 Millionen und ein Zeitplan für die Baustelle
  • „Unser Pilgerweg durch Spandau“: Das große Interview zur Eröffnung
  • Siemensstadt 2.0: Parkhäuser für 1000 Autos
  • Heinrich-Böll-Schule: Neue Infos zum Baustart
  • Grundschule in der Goltzstraße: Update zum Neubau
  • CSO in Wilhelmstadt: Entscheidung naht
  • Stößensee: Wassersportler räumen auf – Firma spendiert 20 Kajaks
  • Kaum noch Gasleuchten in Spandau – die LED-Bilanz im Berlin-Vergleich
  • Luftwaffenmuseum: Ärger mit dem Vogelkot
  • S-Bahnhof Siemensstadt: Neuer Vorplatz für 600-Mio-Campus (und ein erstes Hochhaus)
  • Neuer Schwimmsteg: Rundweg in Tiefwerder wieder frei
  • Spandau-Süd geöffnet, Spandau-Nord geschlossen: Aktuelles aus den Schwimmbädern
  • Ja zur „Pop-up-Fähre“ der BVG auf dem Wannsee
  • Fahrradtour in die Gartenstadt Staaken
  • Letzte Runde! Noch einmal auf den schwimmenden Biergarten in der Altstadt
  • Der Wahlkampf geht los: Schöne Grüße aus der Gerüchteküche der CDU
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