Nachbarschaft

Veröffentlicht am 06.10.2020 von André Görke

Berliner Kultur in der Coronakrise? Ja, das ist möglich. Diese Woche startet bei uns ein Literaturfest: „Downtown Spandau Medina“ – läuft vom 8. bis  14. Oktober. Ein Leseparcours an ganz unterschiedlichen Orten. Wer dahinter steckt? Sandra Hetzl, 40, aus Wilhelmstadt.

Frau Hetzl, Sie haben ein Literaturfest organisiert und nennen das „Downtown Spandau Medina“. Wie kommen Sie auf den Namen? „Eigentlich kam die Idee mit dem Namen von der Berliner Autorin Sarah Khan, die übrigens am 13. Oktober im Paul-Schneider-Haus liest. Ich fand ihre Idee super, denn was „Downtown“ betrifft, brauche ich es eigentlich nur auszusprechen, schon spielt meine innere Jukebox den Song von Petula Clark: „When you’re alone and life is making you lonely, you can always go: Downtown“. Und so ist es ja auch. Stadt heißt Begegnung und Gemeinschaft, und wir finden Trost in der Stadt. Und Spandau hat ein klassisches Downtown. Spandau hat eine Medina: die Altstadt. Auch wenn sie vielleicht nicht so urban ist wie das, was man sich unter Downtown vorstellt, und nicht so quirlig wie eine Medina. In diesem Sinne war der Titel erstmal als Behauptung von Urbanität gedacht, einer Urbanität oder städtischer Lebendigkeit, die ich mir herbeiwünsche, und vielleicht auch ein Wink auf eine Mehrsprachigkeit, die über Englisch und Italienisch hinausgeht, sondern die auch die Sprachen des Südens und des Ostens miteinschließt, die ja in Spandau existieren.“

Welche Leute lesen da so? „Leute, deren Bücher in den letzten fünf Jahren erschienen sind, die in der Literaturwelt eine große Reichweite haben. Leute, die Anerkennung in Form von Stipendien und Preisen bekommen haben und die die aktuellsten Themen der Gegenwart behandeln: wie Zeitarbeit, das Aufwachsen zwischen mehreren Welten, Jugendkultur in den Neunzigern, Queersein, der Krieg in Syrien. Zum Beispiel liest am 8. Oktober Ronya Othmann – sie ist Jahrgang ’93 -, die mit ihrem Roman „Die Sommer“ gerade auf der Shortlist des ZDF-Aspekte-Literaturpreises ist und viele Preise gewonnen hat. Und am 12. Oktober liest Manja Präkels aus „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“. Da geht es um eine Jugend im Brandenburg der Neunziger. Dafür hat sie den deutschen Jugendliteraturpreis und den Anna-Seghers-Preis 2018 gewonnen.“

Stimmt es, dass einer der Leseevents sogar auf dem Parkdeck der Arcaden stattfindet? „Ja, das ist die Lesung am 14. Oktober, bei der es um Urban Fantasy gehen wird. Also um Fantasygeschichten, die im urbanen Raum stattfinden. Und was, wenn es um übernatürliche Wesen im urbanen Raum und den damit verbundenen Grusel geht, ist bitteschön suggestiver als das Parkdeck eines Einkaufszentrums, mit all dem nackten Beton, mit all der Verlassenheit und den Neon-Schriftzügen?“

Mit Decke, Wein und Imbiss aufs Parkdeck? „Decken mitbringen wäre schon mal nicht schlecht. Einen Getränkeverkaufstisch gibt es bei allen Lesungen, den bewirtschaftet übrigens die Pizzeria Zamazingo – da kann man neben Wasser, Wein und Bier auch die Wilhelmstädter Biolimo „Ände“ kaufen. Gegen die Kälte gibt es außerdem türkisch Çay aus dem Samowar und – aber nur auf dem Parkdeck – Met, ausgeschenkt vom Fantasyladen „Schwert und Spiele“ aus der Neustadt, der dort einen Stand mit Fantasykrimskrams haben wird, magische Eier und Würfel mit 28 Seiten, dies und das. Ach, und vielleicht wird zwischen den Betonpfeilern auch ein Ritter in voller Montur herumlungern.“

Wer macht noch mit? „Das Paul-Schneider-Haus, die Lutherkirche in der Neustadt, der Gotischen Saal in der Zitadelle, die aufgrund ihrer Größe relativ corona-safe sind…“

Und warum die Pizzeria Zamazingo am Metzer Platz? „Eigentlich hätte die Lesung drinnen stattfinden sollen, jetzt wird es der Hof – die Corona-Version. Eigentlich sollte jede Station des Parcours ein kleiner Betrieb im Kiez sein, ob Gastro, Einzelhandel oder Verein, der für mich einen besonderem Flair hat. Dazu gehörte für mich auch das Zamazingo, das, abgesehen von den netten Betreiberinnen und Betreibern und der stilvollen Inneneinrichtung sich ja auch noch in diesem charmanten brutalistischen Achtzigerjahre-Bau befindet (Foto). Aber auch eigenwilligere Orte wie der Laden der Anker-Steinbaukästenfreunde auf der Pichelsdorfer Straße, oder besagter Fantasy-Laden in der Neustadt, oder die Kings Shisha Lounge. Die meisten Orte sind aber wegen ihrer kleinen Fläche oder schlechten Belüftung coronabedingt ausgefallen. Aber Zamazingo hatte dann noch diesen begrünten, versteckten Hinterhof im Ärmel.“

Wenn Spandau ein Buch oder Genre wäre, dann wäre es… „ein Thriller vielleicht? Oder ein Heimatroman, mit viel Sozialromantik? Ein Politkrimi? Das wären jetzt so die ersten Klischees, die mir einfallen. Aber eigentlich möchte ich das gar nicht so eingrenzen. Schließlich lebe ich ja hier! Ich würde Spandau gerne ganz vielstimmig lesen: als neueste Lyrik, als experimentelle Literatur, als spoken word poetry.“

Sind Sie Schriftstellerin? „Wer wäre das nicht gerne, aber nein! Gelegentlich bin ich Ghostwriterin und schreibe manchmal Essays, meistens aber übersetze ich Prosa, Lyrik und Theaterstücke vom Arabischen ins Deutsche, und ich versuche interessante, aktuelle arabische Literatur an Verlage und Kuratorinnen und Kuratoren zu vermitteln.“

Sind Sie aus Spandau? „Nein. Ganz ursprünglich komme ich aus München, lebe aber seit den 90er Jahren nicht mehr dort. In Spandau lebe ich erst seit zwei Jahren. Zwischendrin war ich ein paar Jahre in Beirut und ein paar in Neapel. Ansonsten aber habe ich in Neukölln gelebt, und hierher verschlagen, um nicht zu sagen, verdrängt, hat mich das Gegenteil von dem, was in der Spandauer Altstadt passiert, bzw. nicht passiert: In meiner Neuköllner Straße war innerhalb weniger Jahre intensivster Gentrifizierung jede Erdgeschosswohnung in eine rappelvolle Bar mit Außenbestuhlung verwandelt worden, was bedeutete: Das Grölen der Touristen hatte ich 24/7 im Schlafzimmer. Gleichzeitig hatte genau diese Entwicklung zu einer derartig rasanten Erhöhung der Mieten geführt, dass wir, also meine Kleinfamilie und ich, als wir umziehen wollten, uns in unserem Kiez, ja nicht einmal mehr innerhalb des S-Bahnrings eine Wohnung hätten leisten können. Von den bleibenden Optionen schien uns Spandau die schönste.“

Ihre drei Lieblingsorte in Spandau? „Also, ich bin noch richtig neu hier und habe das Gefühl, viel zu wenig zu kennen. Ich liebe zum Beispiel das Café Zuckermann am Metzer Platz in der Wilhelmstadt, oder das Zamazingo, das gleich gegenüber liegt und das Nostalgija am Stößensee.“

Und was vermissen Sie in Spandau? „Ich vermisse niedrigschwellige Orte, die etwas mit Kultur zu tun haben. Das könnten Cafés sein. Das könnten aber auch Projekträume sein, Buchläden, Galerien oder Modelle dazwischen. Orte, wo man einfach so hinkann, wo man sich verbunden fühlen kann zu etwas wie einer Szene, ohne etwas dafür tun zu müssen, außer einen Kaffee zu trinken oder ein Regal anzugucken. Ich vermisse auch Orte, wo sich Leute aus, sagen wir mal, verschiedenen Kulturkreisen in einem würdevollen Setting begegnen.“

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Dieser Text erschien zuerst im Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau. Den gibt es einmal pro Woche, kostenlos und in voller Länge, hier: leute.tagesspiegel.de
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