Nachbarschaft

Veröffentlicht am 30.03.2021 von Robert Klages

„Das Leben miteinander ist immer schwer in der Großstadt“, sagt eine Polizistin. Obwohl hier, aus den Pepitahöfen in Spandau, kämen eigentlich kaum Klagen, sie seien hier selten im Einsatz. An diesem Freitagnachmittag steht sie mit vier Kollegen und einem Einsatzwagen in der Pepitapromenade: ein breiter Grünstreifen in der Mitte mit Spielplätzen – Wohnungen drumherum. Die Mütter können ihre Kinder vom Balkon aus zum Essen rufen. Väter kommen mit ihren Söhnen vorbei, die Polizisten stellen das Blaulicht an zur Freude der Kleinen.

Die Polizei ist an diesem Tag zufällig hier, macht Werbung für sich selbst, eine Kampagne. Dabei steht zurzeit zur Debatte, ob die Pepitahöfe Sicherheitspersonal, Wachschutz benötigen. Über 1000 Wohnungen, mehr als 2500 Mieterinnen und Mieter. Einige hatten sich bei der SPD-Abgeordneten Bettina Domer gemeldet und von Krach, Belästigung, Müll und Gestank berichtet. Eine „Eigentümerin“ aus der benachbarten Goltzstraße spricht, wohl voreingenommen, von einer „ungesunden sozialen Mischung“, vor dem Späti werde Alkohol getrunken, sie traue sich nicht, dorthin zu gehen. Es sei ein „Ghetto“ entstanden durch „Jobcenter-Klientel“.

„Es ist mir wichtig, dass sich die Menschen in den Pepitahöfen sicher und wohl fühlen“, sagt Domer. Die zuständigen Quartiersbeauftragten der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) müssten mit den Bewohnerinnen und Bewohnern in einen Dialog treten. Auf Nachfrage leitet Domer dem Tagesspiegel einen Kontakt zu einem Nachbarn weiter – Norbert Zobbot ist sofort bereit, sich vor Ort zu treffen. Domer selbst kann nicht, aus gesundheitlichen Gründen. Christoph Lang, Pressesprecher der WBM, meldet sich ebenfalls beim Tagesspiegel.

Er möchte gerne vor Ort zeigen, dass es die Wohnungsbaugesellschaft anders sieht als Domer. Die Pepitahöfe gehören den Wohnungsbaugesellschaften degewo und WBM gemeinsam und werden von der WBM bewirtschaftet. Daher findet sich auch Paul-Gerhard Lichtenthäler, Pressesprecher der degewo, an diesem Freitag in den Pepitahöfen ein. Die Sprecher haben einen Rentner dabei, den ehrenamtlichen Mieterbeirat des Quartiers, sowie die Quartiersmanagerin. Sie alle treffen sich am Polizeiauto.

„Familien mit Kindern gegen Einzelpersonen ohne Kinder.“ So fasst die Polizistin das Problem zusammen. Das kenne sie aus anderen Quartieren. Die ohne Kinder beschweren sich über die Kinder. Auch Norbert Zobbot, ohne Kinder, beschwert sich über den Lärm der Kinder in der Pepitahöfen. Er habe natürlich nichts gegen Kinder, tagsüber sei es ja normal, mit den Spielplätzen in der Mitte, aber nach 21 Uhr wünsche er sich Ruhe. „Das ist eine andere Kultur oftmals, da ist das eben so, da sind die Kinder länger wach. Ich muss mich als Mieter darauf einstellen, dass Kinder laut sind“, antwortet die Polizistin, Zobbot zuckt mit den Schultern. Als er die Wohnung gemietet habe, habe er doch gesehen, dass sich ein Spielplatz vor der Tür befindet, sagt die Quartiersmanagerin.

Christoph Lang von der WBM ergänzt, die Wohnungsbaugesellschaft habe absichtlich so gebaut: die Spielplätze in der Mitte, die Wohnungen drum herum. „Das können, und das wollen wir auch nicht ändern.“ Zobbot beschwert sich über Jugendliche auf den Spielplätzen, die abends dort laut seien. „Ja, wo sollen die denn hin, es ist ja während der Pandemie alles zu“, entgegnet Lang. Lichtenthäler von der degewo unterstützt ihn im Allgemeinen: „So ist das Leben in der Stadt, da wohnt man etwas enger zusammen.“

Zobbot und Lang haben ohnehin verschiedene Sichtweisen. Vor allem, was Sauberkeit angeht. Zobbot zeigt der Gruppe sein Treppenhaus. „Schauen Sie hier, und da. Und da.“ Lang schaut sich um, schaut fragend. Zobbot erklärt: die schwarzen Streifen auf der weißen Wand, die kommen von Fahrrädern, die im Treppenhaus nichts zu suchen haben. Ebenso wenig wie Kinderwagen. Und der Boden sei dreckig.

Lang: „Der Boden?“ (schaut auf den Boden) „Die Treppe hier, der Eingang, das ist doch sauber.“

Zobbot: „Das nennen Sie sauber?“

Lang: „Ja, es ist ja kein Hotel hier. Wenn das mein Treppenhaus wäre, würde ich mich nicht beschweren.“

Beide wischen mit dem Finger über eine Treppenstufe. Hier Fotos aus dem Treppenhaus. Dann geht es zurück auf die Promenade. Die beiden haben auch hier unterschiedliche Auffassungen von Sauberkeit. An diesem Tag jedenfalls liegt kein Müll neben den Tonnen, alles ist aufgeräumt. Aber manchmal, so sagt Zobbot, würden Flaschen und Mülltüten daneben liegen.

„Hier, sehen Sie dort!“, ruft Zobbot dann. Er deutet auf einen Lieferwagen. Diese befahren das Quartier um Pakete oder Essen auszuliefern. Ein weißer Sprinter übersieht beinahe ein Mädchen auf einem Fahrrad beim Abbiegen. „Stopp“ ruft Lang, der Fahrer drückt auf die Bremse, das Mädchen fährt vorbei. Ja, das sei ein Problem, gibt Lang zu. Während der Pandemie würde mehr bestellt als sonst. Die Fahrer seien sich keiner Schuld bewusst, würden das Gelände einfach befahren, trotz Pollern, alle hätten so Dreikantschlüssel und würden damit einfach die Poller aufschließen. Mieter Zobbot fordert andere Poller, stärkere, größere, wie diese, die man rauf und runter fahren kann. Daraufhin kommt Lang von der Vermieterseite mit dem Totschlagargument:

„Sie rufen da Kosten auf, die wieder über die Miete abgerechnet werden müssten.“ Zobbot schaut traurig auf den Boden. Das will er natürlich auch nicht. Aber die Fahrer, die stören ihn. Und sie hätten ihn auch schon bedroht, er denke darüber nach, Pfefferspray bei sich zu tragen. Die Pressesprecher der Vermieter beteuern, hier etwas unternehmen zu wollen, die Zufahrten müssten anders geregelt werden. Der Rentner vom Mieterbeitrat sagt, zahlreiche Mieter würden abends zudem einfach ihre Autos in der Promenade parken. Es gibt 500 Stellplätze für über 1000 Mieterinnen und Mieter.

Zu der mutmaßlichen Bedrohung durch Lieferanten sagt die Polizistin, da benötige man konkrete Hinweise und dann stünde es erstmal Aussage gegen Aussage. Zobbot nickt, deswegen habe er auch nie Anzeige erstattet, das bringe ja nichts. Er möchte, dass sich die WBM darum kümmert, seine Sorgen ernst nimmt. Immerhin hat man sich nun mal getroffen.

Einem konkreten Hinweis kann die Polizei an diesem Freitagnachmittag aber doch noch aufnehmen: In einem kleinen Garten vor einer Erdgeschosswohnung steht ein Grill. Und Grillen ist in den Pepitahöfen verboten. Ein Mieter wird in den nächsten Tagen voraussichtlich Post bekommen. Mieter Zobbot hat noch andere Beschwerden wie zum Beispiel:

  • Katzen, die in die Sandkästen pinkeln
  • Der Sand werde nicht oft genug ausgetauscht, dabei sie dies in den Nebenkosten aufgelistet
  • Bohren und Hämmern nach 20 Uhr
  • Kinder, die sich an die Tore der Tiefgarage hängen
  • Kinder, die laut im Innenhof nach 21 Uhr spielen, „besonders im Sommer“
  • Eingangstür zum Wohngebäude werde immer aufgelassen (es könnte eingebrochen werden)

Bisher hatte Zobbot auf diverse Schreiben mit diesen und weiteren Punkten von der WBM keine Antworten erhalten. Nach dem Treffen an diesem Freitag will die WBM versuchen, die Kommunikation zu verbessern. Norbert Zobbot denkt darüber nach, auszuziehen. 2019 war er einer der ersten Mieter in dem Neubauquartier.

  • In der Nähe der Pepitahöfe haben Anwohnerinnen und Anwohner erstmal aufgeräumt und einiges an Müll aus der Goltzstraße/ Werderstraße entfernt. Hier die Bilder. 
  • Die WBM hat in diesem Monat eine Umfrage an ihre rund 32.000 Mietwohnungen geschickt. Gefragt wird nach den Erwartungen an die Wohnung, an das Wohnumfeld, Energieeffizienz oder Bedarf an haushaltsnahen Dienstleistungen oder Mobilität.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-a.goerke@tagesspiegel.de