Nachbarschaft

Veröffentlicht am 28.06.2021 von André Görke

Christian Fessel, 55, ist der „Mann mit Hut“ und führt durch Siemensstadt und Haselhorst. Seine Internetseite heißt deshalb auch: MannMitHutTouren.de

Lieber Herr Fessel, wo erreiche ich Sie gerade? „Ich sitze im Schatten unter der Stößenseebrücke.“

…und tragen Sie jetzt echt einen Hut? „Nein. Der Hut ist nur ein Markenzeichen – allerdings ein sehr effektives. Meine Frau wollte mich seinerzeit einmal mit Hut. Und da der Inhalt meiner Touren zu 80 Prozent während der Weimarer Republik spielt, passt das – pardon: der – natürlich perfekt: Damals wäre ich als Mann ohne Hut aufgefallen, heute mit.“

Wie viele Hüte haben Sie? „Normalerweise besitze ich einen Sommer- und einen Winterhut. Also normalerweise, da ich es immer wieder schaffe, ihn mir vom Kopf und fortwehen zu lassen. Mein neuer Sommerhut treibt gerade irgendwo auf der Spree.“

Wie darf ich Sie nennen? „Bitte ganz schlicht Stadtführer oder Architekturführer. In einem Sachbuch wurde ich kürzlich Architekturvermittler genannt. Natürlich habe ich etwas komplett anderes gelernt: Kameramann, ja so richtig ’staatlich geprüft‘. Dann kam FineArt- und Architekturfotografie mit Workshops hinzu – und so verließ ich irgendwann meine Komfortzone hinter dem Sucher.“

Sie führen Touristen und neugierige Berliner durch Spandau. Welchen Kiez zeigen Sie am liebsten? „Das wunderschöne, nördliche Areal am Ende der ‚Siemensstadt 1.0’–Führung.“

Und wo sind Sie noch im Einsatz? „Außer in Siemensstadt und Haselhorst können Sie mit mir seit Langem oder bald Charlottenburg (mit „-Nord“), Charlottenburg (ohne „-Nord“), Wilmersdorf (ganz exklusiv für die Wilmersdorfer Moschee), und die Mitte von Mitte (Unter den Linden) entdecken – allerdings auch Venedig und London. Nicht zu vergessen: das normalerweise nicht zugängliche, ehemalige Atelier von Hans Scharoun.

Auch mit dem Rad oder Boot nach Kladow oder Gatow unterwegs? „Mich interessieren eher die vermeintlich kleinen Dinge und die Geschichten dahinter: Jaczoturm, Zeppelintower, Siemenswerder. Aber auch interessante Bauvorhaben, die nie verwirklicht wurden oder verschwunden sind. Die Liste ist extrem lang.“

Was reizt Sie an Spandau? „Spandau hat so viele unterschiedliche Alleinstellungsmerkmale: die verschiedenen Gartenstädte, die architektonische Moderne, die Industriekultur, die Zitadelle, die Elektropolis-Bauten und sogar ein Unesco-Weltkulturerbe.“

Kann man Sie buchen? „Na klar, das ist ja das tatsächliche Geschäftsmodell: inhaltlich speziell abgestimmte Touren für Gruppen. Bei Architekten, Stadtplanern und studentischen Gruppen hat sich dies Deutschlandweit und auch international mittlerweile gut herumgesprochen. Andere Anfragen sind: das besondere Geburtstagsgeschenk, der ungewöhnliche Betriebsausflug, Mitarbeitermotivation, Schulklassen, Privatpersonen, die sich „mal etwas Besonderes“ gönnen wollen. Manchmal auch gekoppelt an die Fotografie.“

Die heißen Sommerferien sind da: Haben Sie als Kiezkenner einen erfrischenden Tipp für Familien? Aber bitte nicht „Eiskeller“ sagen! „Da unser Kind in Kürze seinen 21. Geburtstag feiert, bin ich wohl nicht mehr auf dem neuesten Stand, was solche Familienausflüge angeht. Dennoch ein Versuch: mit dem Fahrrad oder Bus zur kleinen Badewiese Gatow zum Erfrischen im Wasser und den Ausblick genießen. Vielleicht sogar den sehr nah gelegenen Vierfelderhof als Ergänzung mit einbeziehen?“

Was haben Sie eigentlich privat mit Spandau, sorry, am Hut? „Unter uns: gar nichts.“

Ihre Lieblings-Rätsel-Quizfrage an Spandauer? „Wo steht zwar Siemensstadt drauf, es ist aber fast nur Charlottenburg drin? Hier begann es für mich mit den regelmäßigen Führungen in Berlin: das Unesco-Weltkulturerbe „Großsiedlung Siemensstadt“. Mehr als 70 Prozent dieses Flächendenkmals liegt auf Charlottenburger Grund. Warum dann dieser Titel? Warum wird sie manchmal auch Ringsiedlung genannt? Und warum befindet sich darin wiederum eine Spandauer Exklave?“

Und? „Dafür gibt es ja Führungen.“

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Dies ist ein Text aus dem aktuellen Tagesspiegel-Newsletter für Berlin-Spandau. Den gibt es in voller Länge unter leute.tagesspiegel.de. Vielen Dank für die Unterstützung meiner Arbeit. – André Görke