Nachbarschaft
Veröffentlicht am 03.08.2021 von Pauline Faust
Unter dem Namen freiraumreh spricht Kim-Noemi Adam auf Twitch über Themen aus Social Media, Nachhaltigkeit und Politik. 53.000 Abonnements hat ihr Kanal. Seit April vergangenen Jahres streamt freiraumreh aus Spandau – hier ist sie nämlich hingezogen.
Frau Adam, Sie sind ganz neu im Bezirk. Was hat Sie nach Spandau gebracht? Tatsächlich die Liebe. Ohne meinen Partner wäre ich sicherlich nie ins beschauliche Spandau gezogen. Köln war schon immer meine Wahlheimat und vermutlich wäre ich auch so schnell nicht mehr weggezogen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass Spandau viel grüner und landschaftlich sehr viel ansprechender ist als die Umgebung Kölns.
Haben Sie schon den besten Spot für Instagram-Fotos in Spandau gefunden? Ich bin kein sonderlich großer Fan von Fotos. Wenn ich meine Follower in meine private Umgebung mitnehme, dann in die Hundeauslaufgebiete Spandaus. Das ist komplett neu für mich und meine Dackeldame. Einen Strand oder ein Waldgebiet zum frei rennen in direkter Umgebung kennen wir gar nicht und empfinde ich hier als richtigen Luxus. Vor allem alles um den Stößensee und der Grunewald haben es uns angetan.
Für unsere weniger streaming-affinen Leser:innen: Was genau ist Ihr Job? Aktuell habe ich zwei Jobs. Zum einen bin ich Content Creator auf Twitch. Das heißt ich streame täglich live zu Themen wie Nachhaltigkeit oder Politik und habe regelmäßig Gäste zu Besuch, die meinen Zuschauer:innen zum Beispiel ihren Job oder ihr Ehrenamt näherbringen. Letzte Woche hatten wir eine Sternenkindfotografin zu Gast. Das war sehr emotional, hat uns aber auch enorm den Horizont erweitert. Wann spricht schonmal jemand so offen über Tod und Sterben. Zum anderen habe ich 2019 meine eigene GmbH gegründet und vertreibe nachhaltige Textilien, auch Fanartikel, für Youtuber, Streamer und andere Influencer.
Seit wann sind Sie bei Twitch? Auf Twitch streame ich seit 2015. Damals noch mit Gaming Content. Seitdem hat mein Leben sich stetig in Richtung Nachhaltigkeit und Minimalismus entwickelt und ich hatte das Glück, dass meine Community sich mit mir gewandelt hat.
Sie arbeiten mit Influencer:innen an nachhaltigerem Merchandising. Ist das nicht an sich widersprüchlich? Der Job von Influencer:innen wie wir sie auf Insta und Youtube kennen, ist es doch, Werbung für ein Produkt zu machen, damit viele Menschen es kaufen. Um es kurz zu machen: Konsum ist nie nachhaltig. Am nachhaltigsten ist es, nichts zu kaufen. Wir bewegen uns bei den meisten Influencern aber in einer Zielgruppe, die oft von Nachhaltigkeit noch nichts gehört hat. Merchandise allerdings vertreibt so gut wie jede Youtuber:in oder Streamer:in. Für mich war es dann sinnvoll, in diese Richtung zu gehen: auf einen Produktionszweig, der in 99 Prozent der Fällen unnachhaltig, aber auf jeden Fall produziert in fair und bio anzubieten. Und gleichzeitig die Endkäufer:innen über Bio und Fair Trade aufzuklären. Das kommt gut an. Influencer:innen nehmen sehr gerne ein paar Euro mehr in die Hand, um ein Stückchen nachhaltiger zu werden. Da wir bisher noch nicht aktiv in Vertrieb gehen mussten, bestätigt sich, dass nicht bei allen Profit an oberster Stelle steht.
In letzter Zeit fallen mir immer mehr Influencer:innen auf, die ihren nachhaltigen Lebensstil zeigen. Sehen Sie hier auch einen Trend? Lass es uns als positive Bewegung beschreiben. Wir leben in Zeiten von Fridays for Future, in einer Welt, in der die Grünen so viel Zulauf wie nie hatten. Wenn das eine Trendbewegung ist, ist sie doch nur zu begrüßen, oder? Die meisten dieser Sinnfluencer:innen sind ursprünglich anderen Kanälen entwachsen. Ein großes Berliner Beispiel ist Louisa Dellert. Sie war ursprünglich ein sehr großer und sehr erfolgreicher Fitnesskanal. Irgendwann haben sich ihr eigener Anspruch und ihre Interessen gewandelt und heute berichtet sie über Nachhaltigkeit und Politik. Im Nachhaltigkeitsbereich verdient man übrigens auch viel viel weniger Geld als mit Beauty oder Fitness.
Ist es einfach zu verlockend, leichtverdaulichen Content übers Konsumieren zu machen, indem zum Beispiel die Beute vom letzten Shopping gezeigt wird? Influencer:innen, die diesen „Haul Content“ betreiben, würden sicherlich nie in die andere Richtung gehen. Das ist wenig lukrativ. Wie gesagt sind die Sinnfluencer:innen aus Überzeugung in ihre Sparte gewechselt. Ich glaube auch nicht, dass Sinnfluencen das Influencing unserer Zukunft ist. Oder um es einfacher verständlich zu machen: RTL hat höhere Einschaltquoten als Arte. Politik und „Grüne“ Kanäle sind anstrengender zu produzieren und haben weniger Einschaltquoten als Beauty und sind dementsprechend weniger lukrativ.
Ein persönliches neues Projekt von Ihnen ist ein konsumfreier Monat. Warum? Das war eine fixe Idee diese Woche, die im Livestreaming entstanden ist. Viel zu besitzen, hat mich immer belastet. Ich fand den Gedanken immer schön, dass all‘ mein Besitztum in ein Auto passt. Die letzten Monate bin ich davon etwas abgekommen und habe vor allem viel Kleidung second hand geshoppt. Ich würde den Monat gerne nutzen, wieder zu reduzieren und mich auf Wesentlicheres zu konzentrieren. Für mich ist Konsum schon immer der Schlüssel zur Nachhaltigkeit gewesen. An den nahezu 100 Antworten auf Instagram auf diese fixe Idee habe ich auch nochmal gesehen, wie sehr meine Community bei solchen Aktionen mitzieht. Die einen verzichten auf Netflix, die anderen auf Lieferdienste im August, wiederum andere auf klassisches Shopping. Konsum ist vielfältig und viele haben spontan reflektiert, was sie einen Monat lang reduzieren wollen.
- Foto: Simon Veith
- Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-a.goerke@tagesspiegel.de