Nachbarschaft

Veröffentlicht am 12.10.2021 von Pauline Faust

Kiezgeschichte: 143 Jahre Streitstraße. „Kultur muss nicht immer in Kreuzberg, Friedrichshain oder Mitte stattfinden“, sagt Klaus Kleemann. Für den Stadtteilladen Hakenfelde hat er eine Fotoausstellung kuratiert. Thema ist die Streitstraße, die wichtigste und prominenteste Straße im Ortsteil. Über hundert Bilder hat er bei Sammlern und Archiven ausfindig gemacht. So wird die Geschichte der Straße in den letzten beiden Jahrhunderten anschaubar.

Bis 1878 war sie noch ein recht unbedeutender Sandweg. Dann wurde die Straße, die nach Niederneuendorf führte nach dem Spandauer Stadtkommandanten Guido Alexander Franz Friedrich von Streit (1813-1904) benannt. Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden langsam erste Wohnhäuser und die Streitstraße wurde neu angelegt. Auf 30 Meter Breite wurde sie ausgebaut. Erst Mitte der 1930-er Jahre standen die Häuser dann so dicht wie heute. Der größte Teil der damals entstandenen Bauten ist trotz des Krieges erhalten geblieben.

Historische Abgründe. Ein sehr markantes Gebäude gibt es auf der Streitstraße: Das Luftfahrtgerätewerk mit seinem gelben Turm. Hier fertigte der Siemens-Konzern während der NS-Zeit Steuerungstechnik für die Luftwaffe: Teile für die V1- und V2-Raketen, modernste Technik für den Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten. Hunderte sollen hier zur Zwangsarbeit gezwungen worden sein, etwa italienische Militärangehörige oder jüdische Menschen – dies belegen verschiedene historische Quellen. Klaus Kleemann ist in Hakenfelde aufgewachsen und hat erst spät von diesem düsteren Teil der Geschichte erfahren: „Es wurde immer nur gesagt, das sei eine Fabrik gewesen, wer darin arbeiten musste, hat man uns jungen Menschen früher nicht erzählt.“ Auch deshalb ist es ihm so wichtig, die Geschichte der Streitstraße zu teilen, damit alle wissen, was in Hakenfelde passierte.

Die Zukunft. Kleemann hat sich mit der Initiative „Hakenfelder Bürger*innen gegen das Vergessen“ an den neuen Investor am Luftfahrtgerätewerk gewandt. Die Patrizia AG hat 90 Prozent der Anteile an der Entwicklung des sogenannten „Carossa Projekts“ und möchte Lofts auf dem Gelände bauen. Die Initiative fordert den Investor auf, die historische Bedeutung des Ortes nicht aus den Augen zu verlieren.

Die kleine Bilderreise im Stadtteilladen Hakenfelde ist bis Ende November zu sehen. Sie finden ihn auf der Streitstraße 60 in 13587 Berlin. Der Laden hat geöffnet von Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr.

  • Foto: picture alliance / imageBROKER
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