Nachbarschaft

Veröffentlicht am 25.07.2022 von André Görke

Der Mann der Woche. „Das Comeback des Jahres!“ So tönt das Berliner Fußball-Netzwerk Fupa und meint damit die Rückkehr des Spandauer SV, über die ich hier letzte Woche im Tagesspiegel berichtet habe. Dahinter steckt Ümit Gündüz, 42, aus Staaken.

Klare Kante, lockerer Typ, kann mit Menschen: Gündüz arbeitet als Meister in der BMW-Motorradfabrik in Haselhorst und hat dort eine hohe Personalverantwortung („100 Schweißer“).

„Ich habe nie beim SSV gespielt, aber der Name war immer und überall ein Begriff“, sagte mir Gündüz, als ich ihn am Handy erreiche.

Seine Vita: Geboren in Haselhorst, 1986 mit den Eltern nach Staaken gezogen und groß geworden auf Spandaus Fußballplätzen. Er hat als Kind beim SC Staaken gekickt, später den Spandauer FC Veritas aufgebaut und im Jugendbereich bei Blau-Weiss an der Wilhelmstraße geholfen.

Jetzt das nächste Kapitel: Spandauer SV. Der war Spandaus bekanntester Fußballklub und typisch Berlin: immer etwas zu laut, ständig pleite. Logisch, dass der Spandauer SV bis heute den Titel „Schlechtester Zweitligist aller Zeiten“ verteidigt. Dabei gibt es den Verein gar nicht mehr.

2014 dann: Insolvenz, Löschung aus dem Vereinsregister, aus die Maus. Die Fans schickten die SSV-Trikots nach Afrika, wo nun Fußballer in Senegal die alten, roten Hemden tragen konnten.

Jetzt kam die völlig überraschende Idee, den SSV wiederzubeleben – gemeinsam mit einigen Kumpels wie Ismail Öner von „Mitternachtssport“, einem bundesweit beachteten Jugendprojekt aus Haselhorst.

Also Anruf beim Berliner Fußballverband, beim Verwaltungsgericht, beim Insolvenzverwalter, beim Patentamt. Und alle so: Könn‘ Se machen, Herr Gündüz, der Name SSV ist frei.

130 Euro Bearbeitungsgebühr zahlte Gündüz und – zack! – war der SSV wieder da. „Ich habe mir das irgendwie komplizierter vorgestellt“, sagt Gündüz verblüfft und lacht.

Das Emblem wurde minimal verändert, es fehlt offiziell die Zahl „1894“ im Logo. Anschließend brauchten sie noch einen toten Verein, dessen Platz sie einnehmen konnten, um schnell am Spielbetrieb teilnehmen zu können.

Also hat Gündüz rumtelefoniert, er kennt ja gefühlt die halbe Berliner Fußballwelt und siehe da: Es gab da einen Klubs namens Türkspor FK, der zwar existierte, aber ohne Mannschaft, ohne Vereinsleben. An dessen Stelle trat also der neue Spandauer SV.

„Wir wollen jetzt erst mal eine Jugendarbeit aufbauen. Jugendarbeit macht Spaß, ist wichtig, denn ohne Jugendfußball funktioniert ein Verein nicht“, sagt Gündüz. „Und wenn es irgendwann genug Jugendliche sind, die in den Herrenbereich nachrücken, dann könnten wir vielleicht mal über Männerfußball nachdenken. Jetzt aber nicht.“ Gündüz ist der sportliche Leiter und F-Jugendtrainer. Daneben wird auch eine G- und eine E-Jugend an den Start gehen. Gespielt wird im Stadion an der Neuendorfer Straße: hier die Lage bei Google Maps. Auch die Sportplätze am Grüngürtel werden vom SSV genutzt.

„Mein Telefon steht nicht still. Es haben sich so viele Leute gemeldet, viele Eltern, die mit ihren Kindern zu uns kommen wollen, aber auch alte SSVer. Sogar ganze Freizeit-Mannschaften wollen zu uns wechseln, aber wir wollen erst mal mit Kinderfußball beginnen“, berichtet Gündüz.

Die alten SSV-Fanplakate und Schals bleiben also erstmal Schrank. Hier ein Foto, als ich vor 20 Jahren für den Tagesspiegel vor Ort war. Mit etwas Fantasie war’s so stimmungsvoll wie in Italien.

„Im August oder September“ wird ein erstes Vereinsfest geplant. Ein Kennenlernen auf dem SSV-Platz an der Neuendorfer Straße, mit Training für die Kleinen. Für die Alten soll es an diesem Tag einen Infostand über den neuen SSV geben. – Der Klub im Netz: spandauersv.de – Text: André Görke

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