Intro

von Markus Hesselmann

Veröffentlicht am 09.08.2018

noch einmal Radwege? Das habe ich mich gefragt, als ich mir überlegte, über welches Thema ich als Intro für diesen Newsletter schreibe. Überzeugt haben mich dann Ihre spannenden Reaktionen auf den letzten Newsletter und unsere Leute-Doppelseite Steglitz-Zehlendorf, die vergangene Woche zum Thema im Tagesspiegel erschien. Die Mail einer Leserin mit konkreter Kritik und interessanten Anregungen auch für Verkehrsplaner finden Sie unter „Namen & Neues“ etwas weiter unten im Newsletter.

Ich habe da nämlich auch noch eine Lieblingsstrecke: Die verläuft vom Anhalter Bahnhof in Kreuzberg, also meinem Arbeitsplatz im Tagesspiegel-Verlag am Askanischen Platz, durch den Gleisdreieck- und Flaschenhalspark, an der Trasse der S2 entlang, durch den Hans-Baluschek-Park, die Sembritzkistraße, Liebenowzeile, Brandenburgische und Borstellstraße sowie dann am Teltowkanal entlang. Zu umfahrende Hindernisse gibt’s an den Yorckbrücken, am S-Bahnhof Südkreuz, am S-Bahnhof Priesterweg und immer wieder am Teltowkanal.

Wer zum Beispiel am Priesterweg an der Grenze zu Steglitz pausiert und im Biergarten „Süden“ sitzt, bekommt sehr plakativ mit, was das Problem ist: Radfahrer und Fußgänger im Verdrängungswettbewerb auf schmaler Rampe und schmalem, geschwungenem Trottoir, da auf dem Kopfsteinpflaster der dortigen Straße niemand Rad fahren will. Hier ein paar Fotos, die ich dort gemacht habe. Und hier ein dort aufgeschnappter Dialog: „Können Sie vielleicht ein kleines Stück zur Seite gehen?“ (Radfahrer) – „Nein, das ist ein Gehweg“ (Fußgänger) – „Danke für die Belehrung“ (Radfahrer).

Bauliche Veränderungen wären hier dringend notwendig – und kündigen sich tatsächlich an. Ralf Kühne, Bezirksverordneter für die Grünen im Nachbarbezirk Tempelhof-Schöneberg (der Bahnhof liegt noch auf Schöneberger Gebiet), verweist mich auf einen in der BVV beschlossenen Antrag, den Sie hier lesen können. Darin wird die Verkehrsverwaltung zur „Realisierung der geradlinigen Verbindung für den Radverkehr entlang der ursprünglichen Trasse des Priesterweges vom Südeingang Hans-Baluschek-Park bis zur Sembritzkistraße“ aufgefordert. Der Lückenschluss nach Steglitz an dieser Trasse, übrigens Teil des Fernradwegs Berlin – Leipzig, wäre endlich geschafft.

Aber wann soll das passieren?  Die Verkehrsverwaltung ist am Zug, bei der man derzeit den Eindruck hat, dass sie vor lauter Verkehrswende-Theorien nicht zur praktischen Umsetzung kommt. Erich Kästner fällt einem ein: Je üppiger die Pläne blühen, umso verzwickter wird die Tat. Doch siehe, auf der Website der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz steht es geschrieben (Dank noch mal an Ralf Kühne für den Hinweis): Unter dem Punkt „Radschnellverbindungen im Berliner Stadtgebiet“ ist die „Teltowkanal-Route“ von Schöneberg über Steglitz nach Zehlendorf und Teltow mit Priorität aufgelistet. Demnach laufen für Umbau-Arbeiten bereits Ausschreibungen und der Zuschlag soll noch diesen Sommer erfolgen. „Die Arbeiten werden dann durch den Auftragnehmer unverzüglich aufgenommen“, heißt es wörtlich. „Unverzüglich“, welch historisches Wort. Wir bleiben dran und werden nach den Ferien weiter berichten.

Die Planung einer großen Verkehrswende ist ja richtig (was der Senat so alles vorhat, steht hier). Und zwar aus meiner Sicht vor allem aus Gründen der Fairness. Warum zum heiligen Christophorus soll die ganze Stadt weiterhin derart aufs Auto ausgelegt sein wie derzeit? Stellplätze, Straßeninstandhaltung, Ampelschaltungen – so vieles orientiert sich zuallererst am Auto. Und warum akzeptieren wir, dass schwächere Verkehrsteilnehmer, nämlich die ohne Knautschzone, stärker gefährdet sind auf unseren Straßen? Zeichnet sich unsere Zivilisation nicht gerade dadurch aus, dass das Recht des Stärkeren bei uns eben nicht gilt? Dabei geht es auch um Radfahrer vs. Fußgänger. So wurde ich in der Facebook-Gruppe Steglitz-Zehlendorf auf rücksichtlos rasende Radler auf der „Radfahrerautobahn“ Sembritzkistraße hingewiesen. Auf den täglichen Verdrängungswettbewerb auf Gehwegen bin ich oben schon eingegangen. Dass Fußgänger „den ganz große Auftritt“ verdienen, hat meine Kollegin Susanne Kippenberger erst kürzlich geschrieben. Und dass es gar nicht geht, wenn zum Beispiel abgestellte Räder den Fußweg blockieren, haben wir hier in unserer Bildergalerie „Wie Fußgänger Berlin erleben“ dokumentiert: tagesspiegel.de

Verkehrspolitik sollte vom schwächsten Teilnehmer her gedacht werden mit dem Ziel einer fairen Mobilität für alle. Dies ist ein großes Ziel und daran sollte strategisch gearbeitet werden. Gleichzeitig aber sind kleine, vorzeigbare Erfolge wichtig, um Akzeptanz für dieses strategische Ziel zu schaffen. Lückenschlüsse auf bereits leidlich ausgebauten Radrouten wären ein Beispiel für solche vorzeigbaren Erfolge. Also bitte ran, liebe Verkehrsplaner und -politiker! Machen und drüber reden.

Was in Steglitz-Zehlendorf und anderen Berliner Bezirken derzeit an Radwegen geplant ist, können Sie übrigens unserer interaktiven Grafik entnehmen, die wir fortlaufend aktualisieren und bei der wir uns über Ihre Hinweise freuen: digitalpresent.tagesspiegel.de

Markus Hesselmann lebt seit 1988 in Berlin und arbeitet seit 24 Jahren für den Tagesspiegel, unter anderem als Ressortleiter Berlin, als Korrespondent in London und als Chefredakteur Online. Anfang 2017 übernahm er die Leitung der Leute-Redaktion. Deren Newsletter aus allen Berliner Bezirken können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de

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