Intro
von Boris Buchholz
Veröffentlicht am 14.02.2019
ich kannte sie vorher nicht, die Reinigungsfeen, Joosep Raheltsiks Änderungsschneiderei oder die netten Männer vom Spätkauf. Aber als ich mich nach meiner Winter-Wochen-Auszeit an meinen Schreibtisch setzen wollte, wartete ein Paketzettel auf mich: „Schade, dass wir Sie verpasst haben.“ Die Paketfirma dpd lud mich ein, ein Paket in der Albrechtstraße 47 abzuholen, „Schneiderei“ war noch ebenso handschriftlich vermerkt. Ich hatte nichts bestellt, erwartete keine Sendung – also machte ich mich neugierig, etwas lauffaul und in Vorfreude vom Rathaus Steglitz (das ist meine Arbeitsnachbarschaft) per Bus auf den Weg. Zum Glück.
Denn aus vermuteten ein, zwei Stationen wurden vier, Stindestraße stieg ich aus und staunte nicht schlecht: Die Hausnummer 47 liegt mitten im Stadtpark Steglitz – das Café ParkHaus Steglitz. Von dpd und Schneiderei keine Spur. Doch in der 48 befindet sich so etwas ähnliches wie eine Mode-Firma: Allerdings schüttelte in der Wäscherei „Reinigungsfeen“ die Mitarbeiterin nur den Kopf und verwies mich an den Paketshop nebenan – der hatte zu und verwaltet ausschließlich Pakete von DHL. Was ist, wenn sich mein Paketbote einen Zahlendreher geleistet hätte? Nicht 47, sondern 74? Also wanderte ich weiter Richtung Lankwitz – und trat bei der Änderungsschneiderei Joosep Raheltsik (Hausnummer 75 zwar, aber ich dachte, könnte passen) über die Schwelle. Die Dame dort erklärte sich für Postpakete als nicht zuständig, meinte aber, der Spätkauf in der 73, der sei eine Paketstation. Ist er nicht, wie mir die dortigen Herren zuverlässig übermittelten, aber in der 95, der Späti sei dpd-Partner, eine andere Dame hätten sie heute auch schon dorthin geschickt.
Also wieder in den Bus (der Arbeitstag hatte kaum begonnen, schon war ich müde), zurück Richtung Steglitz. Auf der Höhe des Hermann-Ehlers-Gymnasiums steig ich wieder aus: Doch im Paketshop „#41“ suchte der freundliche Inhaber zwar nach einem Karton für Buchholz, wurde aber nicht fündig. Immerhin gab er mir eine Telefonnummer zum Nachhaken, die um 99 Cent günstiger war, als die Servicenummer auf dem Benachrichtungsschein. Ich stand auf der Straße, mit dem Paketlatein am Ende, wählte die 01806-Nummer, gab die Paketnummer ein – und hörte als einzige Information von einer synthetischen Automatenstimme, „Ihr Paket ist bereits zugestellt“. Ob ich noch Auskünfte zu einer anderen Sendung wünsche? „Ich möchte jemanden Echtes sprechen“, rief ich ins Smartphone; „danke, dass Sie dpd gewählt haben“, lautete die unnachgiebige Replik. Dann war ich nicht klüger, aber um sechzig Cent ärmer.
Ich schreibe das alles, damit Sie, falls Sie mir das Paket geschickt haben sollten, wissen: Ich bemühe mich, noch ist Ihre Sendung nicht bei mir angekommen. Allerdings habe ich mehrere Kaffees und einen Tag später eine neue Spur. Der Online-Paketnavigator von dpd erklärte mir, dass mein Paket in der Klingsorstraße 47 liegen könnte. Ich vermute hinter der Paket-Geschichte einen großflächigen sozialen Feldversuch: Das Paketabholen soll zum Event werden, Nachbarn lernen sich kennen, man setzt seine Füße in Geschäfte, die man bis dahin noch nicht auf der Kiez-Agenda hatte. Danke dpd!
Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer. Zwar wurde er in Wilmersdorf geboren, doch wuchs er in Lankwitz auf, besuchte in Steglitz das Gymnasium und wohnt in Zehlendorf. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@tagesspiegel.de