Intro

von Boris Buchholz

Veröffentlicht am 07.11.2019

Am Dienstagmorgen fühlte ich mich richtig alt. Im Einkaufscenter Boulevard Berlin in Berlin-Steglitz wurde die Ausstellung von Mauerminiaturen eröffnet – Schülerinnen und Schülern hatten sie zum 30. Jahrestag des Mauerfalls bemalt (was die Kinder über die Mauer erzählten, lesen Sie unter „Namen & Neues“). Die meisten der Vernissage-Gäste zählten um die elf Jahre, geboren um das Jahr 2008. Da war die Mauer schon 19 Jahre Geschichte; und selbst viele Eltern der heutigen Mauerkünstler waren 1989 gerade einmal Kita- oder Grundschulkinder – oder sie waren noch gar nicht geboren. Immerhin, ich war damals schlanke 20 Jahre alt.

Und doch: Als so ein richtiger Zeitzeuge fühle ich mich nicht. Denn als die Mauer fiel, war ich nicht in Steglitz-Zehlendorf, noch nicht einmal in Berlin oder Deutschland. Ich hatte mir im September 1989 einen Traum erfüllt und reiste nach Boston, wo ich bei einer Nichtregierungsorganisation half, Projekte in Nicaragua zu organisieren. Als die Mauer im November fiel, klingelte das Telefon am Charles River und meine Mutter erzählte mir von Dingen, die ich so recht nicht begreifen konnte. Mein Gastgeber Al und ich saßen dann lange vor dem Fernseher und schauten die Berichte auf CNN.

Dafür hat mein Kollege Markus Hesselmann eindrückliche Mauerfall-Erinnerungen aus Steglitz vorzuweisen. Er hatte einen Studentenjob als Nachtwächter in einem Steglitzer Übersiedlerheim für geflüchtete DDR-Bürger ergattert. Seine Zwölfstundenschicht war noch jung als Günter Schabowski einige Kilometer weiter mittig sein „sofort, unverzüglich“ ins Mikro nuschelte. Prompt klingelte sein Wachmann-Diensttelefon: Sein Chef gab die Order, etwaige mauerüberwindende Ost-Bürger nicht zu ihren Verwandten und Lieben ins Heim zu lassen. Wachmann Hesselmann solle sich dem nach familiärer Wiedervereinigung heischenden Besuchs-Volk entgegenwerfen. Hier der O-Ton des Befehlsempfängers: „Lange habe ich über die Befehlsverweigerung nicht nachgedacht. Zurück ins Kabuff, Ghetto-Blaster an, Beine hoch, macht doch, was ihr wollt.“ Seine Mauer-Nacht-Erinnerung hat Markus Hesselmann auf das digitale „Papier“ gebannt (hier zu lesen).

Übrigens kam ich im Herbst 1990 wieder aus den USA und Mittelamerika ins mauerlose Berlin zurück. Meine Familie holte mich vom Flughafen Tegel ab – wir nahmen dieses Mal nicht den direkten Weg nach Hause, ich wurde über den Alex nach Lankwitz chauffiert. Ich habe gestaunt, mich umgesehen, versucht zu erfassen, was ich in der Theorie schon wusste. Und doch war mein Hauptgedanke unhistorisch, unpolitisch und recht profan als wir durch den Berliner Osten fuhren – ich war eben jung, hoffnungsfroh und liebeshungrig: Toll, dass die Mauer weg ist – jetzt gibt es noch mehr Frauen, in die ich mich verlieben könnte (und eine sich endlich in mich).

Allerdings hat die Geschichte gezeigt, dass ich an dieser patriotischen Wiedervereinigungs-Aufgabe gescheitert bin, ich gebe es zu. Meine Liebe teilte ich stets mit einer Herzdame aus dem Westen – von Lankwitz über das Sauerland bis nach Hamburg. Und ich bereue nichts. Aber auf der Mauer hätte ich gerne getanzt. – Text: Boris Buchholz

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Dieser Text stammt aus dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Meinen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Südwesten gibt es in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de
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Meine Themen im neuen Tagesspiegel-Newsletter +++ “Ich habe einen Menschen gemalt, der erschossen wird“: Schüler gestalteten Mini-Mauer-Stücke – sie werden im Boulevard Berlin an der Schloßstraße gezeigt +++ Redakteurs-Erinnerungen an den Mauerfall: Der eine verweigerte als Nachtwächter einen Befehl, der andere konnte in Boston kaum begreifen, was geschah +++ Der Advent soll noch schöner werden: Zehlendorf-Mitte bekommt einen weihnachtlichen Kunstmarkt +++ Nur der Westen ist barrierefrei: Seit elf Jahren wird der Umbau des S-Bahnhofs Nikolassee gefordert +++ Aufruhr im Seniorenzentrum: Über den Winter brauchen die Hortkinder der Giesensdorfer Grundschule Asyl +++ Warnwesten für Schulanfänger: Heftige Kritik an Aktion von Gewerbetreibenden und Bezirksamt +++ Abwasserprobleme: Eis-Kiosk an Zehlendorfer Dorfaue weiter geschlossen +++ Aufgepasst: 90-jähriges Ehepaar wehrt in Steglitz zwei vermeintliche Trickbetrügerinnen ab +++ Veranstaltungen zum Mauerfall +++ Gedenken an die Pogromnacht 1938 +++ Nach zweieinhalb Monaten stand das gestohlene Fahrrad wieder vor der Tür: Leser Ernst Karbe freut sich +++ Meinen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Südwesten gibt es in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de

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Zum Newsletter-Autor: Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer. Zwar wurde er in Wilmersdorf geboren, doch wuchs er in Lankwitz auf, besuchte in Steglitz das Gymnasium und wohnt in Zehlendorf. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@tagesspiegel.de

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