Intro

von Boris Buchholz

Veröffentlicht am 20.05.2020

im ersten Anlauf diagnostizierte der junge Mitarbeiter des DRK-Blutspendedienstes bei der Eingangskontrolle – nach Handdesinfektion und Aushändigung einer medizinischen Gesichtsmaske – Unter-Temperatur hinter meiner erhöhten Stirn: „Sind Sie Fahrrad gefahren?“ Aber ja, um Blut zu spenden. Vier Seiten Fragebogen, zwei Unterschriften, einen Aufkleber und ein Arztgespräch samt Blutdruckmessung und Pieks (der Hämoglobinwert wurde gemessen) später lag ich auf der Liege. In sieben Minuten rannen 500 Milliliter Blut aus mir heraus. Es war hochwillkommen.

Denn die Kühlkammer des DRK-Blutspendedienstes Nord-Ost am Hindenburgdamm 30a ist fast leer. Während in den Kliniken wieder Operationen durchgeführt und Krebspatienten versorgt werden (ein Fünftel des gespendeten Blutes fließen in die Onkologie), gehen nach der Lockerung der Kontaktbeschränkungen immer weniger Menschen Blut spenden (mehr zu den Hintergründen lesen Sie weiter unten bei „Namen & Neues“). „Es wird ruhiger“, beobachtet Schwester Christina Drieling; „es sind auch nicht mehr alle Termine ausgebucht“, ergänzt Schwester Rita Szymanowski, sie leitet die Entnahmeteams in Berlin und Potsdam.

Als der partielle Lockdown in Berlin begann, war die Situation eine andere. Der Virus war in der Stadt, und dem Blutspendedienst brach seine wichtigste Basis weg: „Wir sind zu neunzig Prozent mobil unterwegs“, erklärt Pressesprecherin Kerstin Schweiger, jeden Werktag war an bis zu fünf wechselnden Standorten eine Blutspende möglich. Seniorenheime, Schulen, Bezirksämter, Betriebe – „wir waren auch mit zwei Bussen unterwegs gewesen“, berichtet Schwester Rita. Plötzlich gab es nur noch wenige feste Spenden-Orte, vor allem das Steglitzer Institut für Transfusionsmedizin. Doch die Berlinerinnen und Berliner bewiesen Chuzpe und Solidarität: „Die Leute standen in Reih und Glied bis auf die Straße, bis zu drei Stunden lang“, berichtet Schwester Christina, „eine tolle Resonanz“. Auch die nächsten Wochen blieb die Welle der Hilfsbereitschaft gewaltig, der prozentuale Anteil der Erstspender stieg deutlich an. Zum Glück ging parallel auch die Nachfrage der Krankenhäuser zurück, viele Operationen wurden verschoben. Das Blut reichte aus.

Es ist paradox: Jetzt normalisiert sich das Leben im Wochenrhythmus zwar schrittchenweise und die Krankenhäuser schalten auf Alltagsbetrieb um – doch der rote Lebenssaft ist so knapp wie selten zuvor. Gehen Sie spenden, lautet daher die dringende Bitte des DRK-Blutspendedienstes. Meine Erfahrung: Die Nadel saß beim ersten Mal, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren äußerst freundlich und beim Hinausgehen wehte ein ernstgemeintes „Danke“ mit mir auf die Straße. Das einzige Problem: Auf der Liege liegend die Zeitung zu lesen war leider unmöglich – der linke Arm, aus dem das Blut lief, musste ruhig liegen bleiben.

PS: Meine Nachbarin wollte nach meiner Spende sofort wissen, ob mein Blut denn auch auf das SARS-CoV-2-Virus untersucht werde. Wird es nicht, da das Virus nicht über das Blut, sondern über Tröpfcheninfektion übertragen wird (aber dafür wird getestet, ob ich Syphilis, Hepatitis oder HIV habe). Und auch die nächste Frage musste ich verneinen: Wer schon Covid-19 überstanden hat, darf nicht Blut spenden. Allerdings hat der Blutspendedienst Nord-Ost eine Studie zum „Rekonvaleszentenplasma“ begonnen; wenn Sie als Genesender daran teilnehmen wollen, können Sie sich auf der Website blutspende-nordost.de/rkp melden.

Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer. Zwar wurde er in Wilmersdorf geboren, doch wuchs er in Lankwitz auf, besuchte in Steglitz das Gymnasium und wohnt in Zehlendorf. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@tagesspiegel.de