Intro

von Boris Buchholz

Veröffentlicht am 06.08.2020

Jetskis, Partyflöße und Speedboote. Ihre Berichte haben mich aufs Wasser getrieben: Ich dürfte die Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes vergangenes Wochenende auf Patrouillenfahrt in Berlin begleiten. Ja, ich präzisiere das: Die Rettungsschwimmer hielten nach Menschen in Not und Lebensgefahr Ausschau, ich zählte Partyboote, lauschte nach zu lauten Bässen, schaute nach Wassermotorrädern und suchte den Havelhorizont nach röhrenden Speedbooten ab.

Hier die Zusammenfassung: Geschockt bin ich nicht vom Lärm auf dem Wasser – zwischen 13 und 19 Uhr war es dort, wo die DRK-Bootsführer ihre Fahrzeuge entlang steuerten, recht ruhig (oder ich habe aufgrund des eigenen 150-PS-Außenborders nichts gehört). Negativ beeindruckt hat mich, dass an Ufern und auf dem Wasser so getan wird, als sei das neuartige Coronavirus wasserscheu. Partyfloß plus Partyfloss ergibt Partydorf, man umarmt sich, man neckt sich, man steht, sitzt, liegt zusammen, der Abstand zu Nebenmann und Nebenfrau scheint egal zu sein. Masken sind keine zu sehen. Am Freibad Wannsee, einer Badestelle zwischen Strandbad und S-Bahnhof Nikolassee, faulenzten und badeten die erholungs- und anscheinend auch virensuchenden Menschen wie Sardinen in der Dose, dicht an dichter.

Im Vergleich wirkt das Strandbad Wannsee vom Wasser aus fast leer. Dadurch dass die Berliner Bäder-Betriebe für ihre Gäste zwei Zeitfenster eingerichtet haben und nur ein begrenztes Ticketkontingent verkauft wird, haben die Badenden Platz – und können die Corona-Abstandsregeln einhalten. Meine Vermutung: Wenn die erste Schicht der Strandbadbesucher um 14 Uhr aus dem Wasser gebeten wird (dann wird gereinigt und desinfiziert, ab 15 Uhr kommt der zweite Gästeschwung), wandern die Ex-Strandbadbadenden ein paar hundert Meter das Ufer entlang – und verlängern ihren Bade-Kurzurlaub auf dem Sardinendosen-Strand.

Klar, es gab auch lautere Musik auf Fluss und See. Von einem Hausboot, an dem ein großes Floß festgemacht hatte, an dem ein kleines Floß lag, an dem ein Motorboot lag, hämmerten einige Bässe. Ich zählte einen Jetski-Fahrer; auf der Wasserskistrecke auf dem Wannsee zogen Zugboote mit Künstlern auf zwei Brettern ihre Runden (das dürfen sie dort). Auch einige übermotorisierte Motorboote sorgten auf der Havel für Un-Ruhe und große Heckwellen. Auffällig war die Begegnung mit dem Schiff der Wasserschutzpolizei (es sei ihr einziges hier unten, verriet mir ein DRK-Kapitän): Maschinen werden gedrosselt, die Höchstgeschwindigkeit angepasst.

„Wenn die Wasserschutzpolizei da ist, dann ist alles sehr ruhig“, berichtet Wasserretter Janne aus der Praxis. Der Samstag war heiß, sonnig – auf Kapriolen auf dem Wasser hatte anscheinend niemand in der Hitze richtig Lust (eine Ausnahme bildete das mit weißen Tüchern geschmückte Jungesellinnenabschieds-Floß: Alle Feiernden hatten sich anscheinend auf den gleichen Badeanzug-Schneider geeinigt, frau fêtete im identischen rosa Freizeit-Outfit).

Ich weiß aus Ihren Berichten, dass es sich an anderen Tagen ganz anders auf Havel und Wannsee anhört. Die Berliner Polizei wünscht sich jetzt ein Lärmschutzgesetz für das Wasser: „Eine Vorschriftenlage, die einen Höchstgrenzwert für Lärmemissionen für Boote auf Bundeswasserstraßen festlegt, erscheint sinnvoll“, schrieb das Polizeipräsidium an den Spandau-Newsletter vom Tagesspiegel. Bisher gilt anscheinend: Mit und auf dem Boot können Sie beliebig viel Krach machen. Gegen röhrende Motoren gibt es kein Gesetz.

Die Polizei macht für den zunehmenden Lärm auf den Berliner Gewässern zumindest zum Teil die Führerscheinfreiheit verantwortlich (bis 15 PS dürfen Sie ohne Führerschein losbrausen). „Während früher der vereinsgebundene Wassersportler mit soliden seemännischen Fähigkeiten das Bild bestimmte, dominiert heute eine Party- und Eventszene die Wasserstraßen“, schreibt die Polizei. Den ausführlichen Wasser-Polizeibericht meines Kollegen André Görke, er ist für die Spandauer Uferseite beim Tagesspiegel verantwortlich, lesen Sie hier auf tagesspiegel.de.

Meinen Bericht vom Wasserwacht-Besuch finden Sie in der Rubrik „Namen & Neues“ im Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf – ich wünsche gute Lektüre, Leinen los. Hier gibt es den Newsletter kostenlos in voller Länge. – Text: Boris Buchholz
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Dieser Text erschien zuerst im Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf. Die Newsletter für alle 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge unter leute.tagesspiegel.de
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