Intro
von Boris Buchholz
Veröffentlicht am 18.03.2021
allons enfants de la Patrie,
Le jour de gloire est arrivé!
Gegen 11.30 Uhr erklang heute die Marseillaise, die französische Nationalhymne, vor der Evangelischen Kirche Nikolassee. Auf der Wiese zwischen Kirche und Friedhof hatten sich ehemalige Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen sowie Freunde und Weggefährten versammelt – es waren um die fünfzig Menschen auf dem Grün. Sie sangen die Marseillaise, um Abschied zu nehmen: Heute wurde Eva-Maria Kabisch in Nikolassee beerdigt.
Viele Jahre hatte sie am Werner-von-Siemens-Gymnasium Deutsch, Geschichte, Philosophie und Darstellendes Spiel unterrichtet. Eva-Maria Kabisch war nicht nur eine begeisterte, sondern auch eine begeisternde Pädagogin. Erst engagierte sie sich im Zehlendorfer Gymnasium, dann in der Senatsbildungsverwaltung – hätte im Jahr 2006 der CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger die Wahlen in Berlin gewonnen, wäre die parteilose Lehrerin wohl Schulsenatorin geworden.
„Brücken bauen, ja, aber auch immer wieder Türme, um die Dinge von verschiedenen Seiten betrachten zu können – das konnte Eva-Maria Kabisch“, schrieb ihre Kollegin Christine Sauerbaum-Thieme in ihrem Nachruf am 9. März im Tagesspiegel. Bewiesen hat Eva-Maria Kabisch dieses Können beispielsweise, als sie nach der Wiedervereinigung die ersten Gesamtberliner Abiturprüfungen vorbereitete: In den „Kabisch-Papieren“ gab sie Hinweise zu Bewertungen, Gutachten und Notengebungen. „Das war notwendig, denn die Kultur der Notengebung war in Ost und West sehr unterschiedlich“, erinnert Christine Sauerbaum-Thieme. Das Talent als Brückenbauerin zwischen Ost und West, zwischen Deutschland und Frankreich wurde gewürdigt: Eva-Maria Kabisch erhielt 1998 das Bundesverdienstkreuz, ein Jahr später wurde sie mit dem Orden „Chevalier dans l’Ordre des Palmes Académiques“, 2004 mit dem „Chevalier de l’Ordre National du Mérite“, dem nationalen Verdienstorden Frankreichs, ausgezeichnet. Am 28. Februar 2021 starb Eva-Maria Kabisch mit 79 Jahren.
„Lehrerin mit Herzblut, Temperament und Einfühlungsvermögen“ hieß es in einer der Traueranzeigen. Ehemalige Schülerinnen und Schüler riefen in einer anderen nach der Beerdigung zum gemeinsamen Gang über die Rehwiese auf – „wir möchten uns erinnern“. Angesprochen fühlen sollten sich „alle ihr dankbaren EXen, DSler, Beskidenstürmer und Schlumpfmafiosi des Werner-von-Siemens-Gymnasiums in Berlin-Nikolassee“. Und sie kamen, liefen und sangen:
Aux armes, citoyens,
Formez vos bataillons,
Marchons, marchons!
Boris Buchholz ist in Wilmersdorf und Lankwitz aufgewachsen. Der Tagesspiegel-Redakteur arbeitet in Steglitz und lebt in Zehlendorf – die lokale und globale Politik interessiert ihn, seitdem er im Fichtenberg-Gymnasium die Schulbank drückte. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@tagesspiegel.de.
Text: Boris Buchholz
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