Intro
von Boris Buchholz
Veröffentlicht am 05.05.2022
seit zweieinhalb Monaten wütet der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Laut der UN-Kinderschutzorganisation Unicef sind inzwischen mehr als die Hälfte der ukrainischen Kinder auf der Flucht – es sind Millionen. Ein besonderes Projekt, um den Kindern in Charkiw, der Partnerstadt Steglitz-Zehlendorfs, zu helfen, stelle ich Ihnen weiter unten vor. Wann dieser Krieg endet, ist ungewiss.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt sich am Sonntag zum 77. Mal: Als am 8. Mai 1945 die Waffen begannen zu schweigen, als Hitler-Deutschland besiegt und der Zweite Weltkrieg endlich beendet war, haben die Kinder, Mütter, Väter, Großeltern und Nachbarinnen und Nachbarn in Deutschland aufgeatmet. Keine Bomben mehr. Keine Sirenen. Keine Schüsse. Man konnte wieder hinaus, hinaus in eine neue, alte, kaputte Welt, in eine neue Zukunft; eine Zukunft, die unser Land zu dem gemacht hat, was es heute ist. Ein freies, soziales und demokratisches Land.
Erinnern. An das Kriegsende, an das von Deutschland angerichtete Unheil, an die Verfolgung von Menschen durch die Faschisten und an die Schrecken des Krieges soll am Sonntag, 8. Mai, gedacht werden. Die Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde lädt ab 12.30 Uhr zur Gedenkveranstaltung und Ehrung der ehemaligen Häftlinge des Außenlagers ein: Das Lager befand sich am Ufer des Teltowkanals in der Wismarer Straße 25-36. Dort – an der „Säule der Gefangenen“ – findet auch die Erinnerungsveranstaltung statt. Reden werden der Direktor der Gedenkstätte Sachsenhausen, Axel Drecoll, und Hans-Joachim Wiese, er ist der Nachfahre eines Täters, eines Angehörigen des Reserve-Polizei-Bataillons 101. Als dritte Rednerin wird die Zeitzeugin Zofia Pilecka erwartet. Ihr Vater ist von den Deutschen zu Kriegsbeginn erschossen worden. Auch Schülerinnen und Schüler der Fichtenberg-Oberschule, des Beethoven-Gymnasiums und der Louise-Schroeder-Schule werden bei der Veranstaltung mitwirken.
Ohne Russland. Die Veranstalter haben auch dieses Jahr die Botschaften aller Länder zur Gedenkveranstaltung eingeladen, deren Staatsangehörige im Lager inhaftiert worden sind – mit Ausnahme von Russland und Belarus. Bewusst seien die offiziellen Vertreter der kriegführenden Parteien nicht angesprochen worden, teilt die Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde mit. Stattdessen seien Einladungen an zivilgesellschaftliche Gruppen aus beiden Ländern ausgesprochen worden. „Die angeschriebene belarussische Organisation wird teilnehmen, der Vorsitzende wird ein Grußwort verlesen“, teilte Thomas Schleissing-Niggemann, der Vorsitzende der Initiative, dem Tagesspiegel mit. Bei der russischen Organisation sei die Teilnahme noch unklar. Der Krieg gegen die Ukraine wirft Schatten auf das Gedenken.
Auch 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Welkriegs ist das Mahnen und das Gedenken wichtig. Denn die Lehren aus der blutigen Geschichte des Nationalsozialismus‘ haben unsere Werte geformt, eine offene Gesellschaft ermöglicht. Deshalb ist das Zurückblicken auch eine Form der Zukunftsgestaltung. Zu wissen, was war, wo es war, wer es war und was nicht wiederkommen darf, schützt uns vor falschen, menschenfeindlichen Entscheidungen – zumindest sollte es das.
- Boris Buchholz ist in Wilmersdorf und Lankwitz aufgewachsen. Der Tagesspiegel-Redakteur lebt in Zehlendorf – die lokale und globale Politik interessiert ihn, seitdem er in der Fichtenberg-Oberschule die Schulbank drückte. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@tagesspiegel.de