Intro
von Boris Buchholz
Veröffentlicht am 14.12.2023
es funktionierte – und zwar mit klarem Bild. Viele Bezirksverordneten konnten es anscheinend selber noch nicht glauben: Auf diversen Tischen im Sitzungsraum flimmerten auf Laptops, Handys und Tablet-Computern die Rednerinnen und Redner in leuchtenden Farben über die Monitore, das „echte“ Redepult stand keine zehn Meter vom Betrachter entfernt. Kurz: Die Premiere des Steglitz-Zehlendorfer Parlamentsfernsehen hat nach langem Anlauf geklappt.
Über die Website steglitz-zehlendorf.de, Sie müssen dann auf die Seiten der Bezirksverordnetenversammlung wechseln, können fortan die Sitzungen aus dem Bürgersaal live mobil, konzentriert am Küchentisch oder aufgeregt Chips knabbernd auf dem Sofa verfolgt werden. Keine Einwahl nötig, total kostenlose Abendunterhaltung. Dafür, dass die Namen und die Fraktionszugehörigkeiten oder Stadtratsressorts der Redenden eingeblendet wurden, sorgte nicht nur die angeheuerte Fachfirma, sondern auch die Leiterin des BVV-Büros, die oben auf der Tribüne die erforderlichen Daten soufflierte.

Es ist ein Kammerspiel im besten Hitchcockschen Sinne: Eine Kamera, eine Einstellung, kein Schnitt, die Spannung wächst jedes Mal, wenn die Rednerin oder der Redner das Pult verlässt: Wer kommt von wo als Nächstes?
Etwas mehr Transparenz hätte sich gestern wohl die zugeschaltete Welt – der Linken-Politiker Dennis Egginger-Gonzalez begrüßte „die Zuschauer in Österreich und der Schweiz“ – am Anfang der Sitzung gewünscht: Nach wenigen Minuten wurde sie unterbrochen, kein Live-Bild mehr. Nach intensiven Recherchen des Tagesspiegels trat der Grund für die Bildstörung zutage – hier hatte eine KI die digitalen Synapsen im Spiel. Denn die TV-Fachfirma hatte einen besonderen Service in den Livestream implementiert: Die gesprochenen Worte wurden simultan in barrierefreie Untertitel übersetzt. Das fiel den fernsehguckenden Parlamentariern auf, sie fragten nach.
Denn ihre Zustimmung haben die 55 gewählten Volksvertreterinnen und -vertreter bisher nur für die Bild- und Tonübertragung gegeben; das Recht, das gesprochene Wort auch zu transkribieren, war nicht erteilt. Zudem stellte sich die Frage: Wer übersetzt denn da und ist das, was unter dem Bild geschrieben steht, auch wirklich das, was über der Schrift gesagt wurde? Es stellte sich heraus, dass eine spezielle Künstliche Intelligenz, eine Software, für die Verschriftlichung sorgte. Und das war der lokalen Politikerschaft dann doch etwas zu heikel.

Eine Einstellung, eine High-Tech-Kamera: Auf der Tribüne sorgten zwei Fachleute für die reibungslose Übertragung.
Kann ich gut nachvollziehen: Aus meiner semitäglichen Interview-Praxis weiß ich nur zu gut, dass Ton-zu-Wort-Übersetzungsprogrammen nicht durchweg zu vertrauen ist. Das bringt mir schon mein Smartphone bei, wenn ich der Dame in dem Ding eine vertrauensvolle Frage stelle – im ersten Anlauf klappt das selten.
Wie fehlerfrei die Fernseh-KI übersetzt, ließ sich in der kurzen Sitzungspause nicht klären. Drum verzichtete der Vorstand der BVV auf das ungemein zukunftsweisende und schlecht hörenden Menschen helfende Feature und ließ die Untertitel abschalten – mindestens für dieses Mal.
Kurz und gut und trotzdem – Ihr Lokalparlament ist im Fernsehen angekommen. Die Premiere ist gelungen. Eigentlich hätten die Südwest-Bezirksverordneten im Zehlendorfer Rathaus nach der Sitzung den Blick gemeinsam nach Nordwesten wenden sollen: Spandau ist jetzt der letzte der Berliner Bezirke, bei dem ein Gang ins Rathaus zwingend nötig ist, um live zu erfahren, was die Politik im Namen ihrer Wählerschaft so umtreibt. Stattdessen versammelten sich die Gewählten im Foyer und stießen bei einem Glas Sekt und angeregten Gesprächen auf Weihnachten, das vergangene und das kommende Jahr an. Mal sehen, was 2024 für Neuerungen mit sich bringen wird.