Kiezkamera

Veröffentlicht am 29.03.2018 von Markus Hesselmann

Seine erste Eisladen-Filiale nach dem Zweiten Weltkrieg gründete Franz Hennig 1949 am Steglitzer Damm. Das Foto (privat) entstand 1954. Eine Geschichte also, bei der wir etwas weiter ausholen müssen. Mein Kollege Atila Altun hat recherchiert, warum „Eis Hennig“ den legendären Laden in Steglitz zumacht – und dazu die Geschichte des Berliner Traditionsunternehmens. Hier sein Bericht:

„Zwei Eisläden alleine zu verwalten, war auf Dauer doch sehr anstrengend. So entschied ich, meine ganze Kraft auf die größere Filiale in Alt-Mariendorf zu konzentrieren.“ So erklärt Nadja Müller-Hennig, Inhaberin der Filialen Steglitz und Alt-Mariendorf, die Schließung des Traditionsgeschäfts am Steglitzer Damm. Vor 69 Jahren hatte hier Franz Hennig Wiedereröffnung gefeiert. Nach fünf Jahren Kriegsgefangenschaft in Russland sollte dies der Neustart einer erfolgreichen Gründerkarriere sein.

Angefangen hatte alles 1930, als Franz gemeinsam mit seinem Bruder Alois Hennig einen Eisladen in der Rubensstraße in Friedenau eröffnete. „Eis Hennig“ sollte er heißen und Generationen von Berlinern mit Speiseeis versorgen. Das Erfolgsrezept: frisch und vor den Augen der Kunden produzierte Eiscreme für kleines Geld.

In Berlin kannte man die kalte Süßspeise noch nicht allzu lang. „Florida-Eis“ in Spandau und das „Eiscafé Monheim“ in Wilmersdorf eröffneten nur wenige Jahre zuvor die ersten Berliner Eisdielen. Das Eis wurde auch damals schon in Kugeln, aber vorwiegend zwischen zwei Waffeln verkauft. Erst nach 1970 wurde das Eis, so wie man es heute noch von „Eis Hennig“ kennt, randvoll in Pappbechern portioniert.

Franz und Alois expandierten Richtung West- und Ostpreußen und eröffneten Eisläden in Allenstein, Marienburg, Elbing und Königsberg, wo „Eis Hennig“-Kreationen wie der „Ostpreußen-“ oder der „Lorbasbecher“ entstanden.

Nach acht erfolgreichen Jahren gingen die beiden Brüder getrennte Wege und gaben noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Betrieb in Berlin auf. Franz, der eigentlich Getreide-Großhandelskaufmann war, zog schließlich nach Ostpreußen, in die Heimat seiner Eltern, um dort dem Eisgeschäft weiter nachzugehen. Alois lebte nach dem Krieg in Hamburg. Als gelernter Konditor stellte er dort neben Eis auch Marzipan her. Franz wird 1944 sowjetischer Kriegsgefangener und kommt 1949 als „Spätheimkehrer“ zurück nach Berlin. Noch im selben Jahr gründet er die Filiale am Steglitzer Damm. Es folgen Filialen in Tempelhof, Alt-Mariendorf und Schmargendorf. Franz‘ Geschäft läuft gut.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Lisbeth leitet er noch bis Anfang der 1980er die Filiale in Steglitz. Die anderen drei Läden haben inzwischen seine Kinder Christine, Maria und Norbert übernommen. Weitere folgen unter anderem in Wilmersdorf, Neukölln und Schöneberg. Mit elf Eisläden im Westen der noch geteilten Stadt war es den Berlinern kaum möglich, der süßen Speise zu widerstehen. „Eis Hennig“ wird das Eis West-Berlins. „Baden im Insulaner, danach eine Curry bei Krasselt’s und anschließend gegenüber bei Hennig ein Eis essen. Das hatte sich hier nicht nur bei den jungen Leuten als sogenannter ‚Steglitzer Rundgang‘ etabliert.“, erinnert sich Enkel Christian Hennig etwas wehmütig. Er trägt heute für das Eis in der Tempelhofer Filiale Verantwortung.

Nach der Schließung der Steglitzer Filiale verbleiben am Tempelhofer-Damm und am U-Bahnhof Alt-Mariendorf die letzten beiden Eisläden des Berliner Traditionsunternehmens.

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