Kiezkamera
Veröffentlicht am 07.03.2019 von Boris Buchholz
Kiezkultur trifft Telekom: Nachbarn haben „seit geraumer Zeit“ die Funktion der Telefonzelle (ja, so etwas haben wir noch im Bezirk) an der Ecke von Rothenburg- und Zimmermannstraße erweitert – man kann in der Zelle nicht nur telefonieren, sondern auch Bücher tauschen. Bürgerinnen und Bürger stellten Holzkisten als Regale auf, die Reihen füllten sich, es sieht so aus wie ein kleines Wohnzimmer (eine Sitzgelegenheit fehlt leider). Das schlanke Telefonhäuschen belebte die Kommunikation und den Zusammenhalt im Kiez. „Wer ein Buch übrig hat, legt es hin; wer eines möchte, nimmt es mit!“, schrieb mir Anwohner Christian Schadler. „Das funktionierte wunderbar und regelte sich wie von selbst.“
Doch bemerkte ein Telekom-Mitarbeiter die Zweckerweiterung – und griff zu Schlüssel, Stift und Papier. Seit Mitte letzter Woche ist die funktionierende Kommunikations-Zelle abgesperrt, ein handgeschriebener Zettel verkündet: „Wegen Beschädigung geschlossen – Deutsche Telekom.“ Der unter der angegebenen Nummer erreichbare Telekom-Mitarbeiter bestätigt zwar den Sachverhalt, verweist aber zur weiteren Stellungsnahme an die Pressestelle des Staatskonzerns. Bis zum Redaktionsschluss blieben meine Nachfragen unbeantwortet.
Derweil haben sich 125 Kiezbewohner mit ihrer Unterschrift zur Büchertausch-Telefonzelle bekannt, sie fordern ihren Erhalt. Leicht wird das nicht, denn gegenüber Christian Schadler erklärte die Telekom, dass polizeiliche Ermittlungen wegen Beschädigung aufgenommen worden seien. Das Ordnungsamt sehe in der Kultur-Zelle „‚eine illegale Müllabladung‘ und wird die Telefonzelle wohl ‚beräumen‘ lassen“, schrieb mir der Anwohner. Sein Fazit: „Ein Stück selbst gewachsene (und kostenlose) Kiezkultur scheint also demnächst wieder zu verschwinden …“
Ich berichte Ihnen, wie die Telekom offiziell zur Telefonzellen-Affaire Stellung nimmt – sobald ich deren Antwort kenne. Zur Sicherheit stelle ich zur Vermeidung straf- oder ordnungsrechtlicher Konsequenzen fest: Herr Schadler ist ein begeisterter Nutzer der Büchertausch-Telefonzelle; er versicherte mir, dass er weder Initiator, noch Besitzer von Büchern oder Regalen sei.
Foto: Christian Schadler
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