Kiezkamera

Veröffentlicht am 07.01.2021 von Boris Buchholz

Es war der 2. Dezember, ein Mittwoch, als Gregor F. starb. Der obdachlose Mann hatte sein Quartier unter der Autobahnbrücke am S-Bahnhof Rathaus Steglitz, direkt am Ausgang des S-Bahnhofs, an der Kreuzung von Albrecht- und Kuhligkshofstraße. Gegen 10 Uhr fand ihn eine Anwohnerin „stark zitternd“ vor, so berichtet es Michael Gassen von der Polizeipressestelle auf Nachfrage des Tagesspiegels. Die Frau eilte nach Hause und alarmierte den Kältebus; doch als der Bus vor Ort war, war Gregor F. schon gestorben. Ein Notarzt der Feuerwehr konnte nur noch seinen Tod feststellen. Gregor F.  wurde 56 Jahre alt.

Woran er gestorben ist? An der Kälte. Vorerkrankungen habe Gregor F. nicht gehabt, erklärt die Polizei, es wurde eine Obduktion der Leiche angeordnet. „Ersten Erkenntnissen zufolge ist er an Unterkühlung gestorben“, sagt Polizeisprecher Gassen. Weitere Untersuchungen würden noch durchgeführt werden.

Gregor F. war der erste „Kältetote“ in diesem Winter in Berlin – bis zu minus 3 Grad meldete die Dahlemer Wetterstation der Freien Universität an diesem Tag Anfang Dezember. Erst am 5. Januar fielen mir die vielen Kerzen, die Zettel und Blumen auf. „Wir haben unseren Bruder Gregor würdig begraben“, schreibt seine Familie auf einen an die Betonsäule der Autobahn geklebten Zettel. „Wir bedanken uns für die große Anteilnahme in Form von Blumen, Kerzen, dem gerahmten Foto und dem Schild mit Gregors Namen“, steht dort, „das war für uns alle sehr tröstlich“.

Ein Passant hat ein Gedicht zwischen Blumen und Kerzen gelegt:

„Zwischen zwei S-Bahnen.
Zehn Minuten Zeit, weil S1 hier, die fährt nicht so oft.
Das Kerzenwachs in rotem Plastik mit goldener Krone, aus.
Noch nicht angezündet oder bereits erloschen.
Ein Leben, das vorbei ist. Für immer.
Und ich sehe ihn, in einem gerahmten Foto,
liegend im Schlafsack, umgeben von Bierflaschen
und mit einem Lächeln im Gesicht.
Gregor. …

Und dann gehe ich hoch, zur S-Bahn, weil ich weiß,
dass vor acht Minuten fuhr, ich also nur noch zwei Minuten habe,
um mich nach Hause fahren zu lassen, ins Warme
zum vollen Kühlschrank mit einem Therapietermin
und Familientreffen im Kalender. Bekümmert.

Zehn Minuten, zwischen zwei S-Bahnen; ein ganzes Leben.
Jede Minute davon gelebt, erlebt, gedacht, geträumt, wahrgenommen.
Viele Geburtstage, alles Gute, Gregor!
Alleine gelassen von uns allen, gestorben zu unseren Füßen
unter unseren tatenlosen Augen.

Es tut mir so schrecklich leid, Gregor
Es tut mir so leid.“

Foto und Text: Boris Buchholz
+++
Dieser Text erschien zuerst im Tagesspiegel für Steglitz-Zehlendorf. Die 12 Bezirksnewsletter vom Tagesspiegel gibt es, Bezirk für Bezirk, kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de
+++
Hier mehr Themen, die Sie im aktuellen Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf finden

  • Blick nach Washington mit Tagesspiegel-Gründer Erik Reger: Demokratie ist nicht selbstverständlich
  • Blick nach vorn: „Senior City“ oder eine Mischung mit „jungem“ Wohnen und Arbeiten? Zukunftsforscher Edgar Göll über die Zukunft des Bezirks
  •  Premiere für einen neuen Service im Newsletter: Politikberichte in Leichter Sprache
  • Schwindendes Schwarz? Das Wahljahr 2021 könnte im Südwesten super spannend werden
  • Was Sie 2021 außer Wahlen erwartet: Viele Bauprojekte – und hoffentlich das Ende eines Geisterhauses
  • Ehre wem Ehre gebührt: Willkommensbündnis für Flüchtlinge Steglitz-Zehlendorf ausgezeichnet
  • Gregor ist tot: Bürger erinnern an den ersten Kältetote im Südwesten – er starb bereits am 2. Dezember
  • Wortwitz und Kultur: Die Zoom-Sendung „markultur“ beleuchtet die Kreativzene im Südwesten – und die klaffenden Lücken
  • Buch zur Zimmermannstraße: Vom kaiserlichen Mundkoch bis zum Dadaismus
  • Spaziertipp im Schnee: Nutzen Sie jede Flocke!
  • Noch bis nächste Woche? U-Bahnhof Schloßstraße bleibt nach Brand gesperrt, U9 endet Walther-Schreiber-Platz
  • Jahre des Bauens: U-Bahnhof Rathaus Steglitz soll „Ende 2022“ fertig sein