Kiezkamera

Veröffentlicht am 05.08.2021 von Boris Buchholz

Seit März 2020 gibt es ihn: Den Lyrikkasten vor der Leydenallee 82. Ursprünglich hatte in dem Kasten Werbung für Weine und Verkostungen gehangen – aber die Weinhandlung gibt es nicht mehr. Der Maler, Bildhauer und Autor Andreas Rössiger hat im Erdgeschoss des Hauses seine Werkgalerie. Kurzerhand übernahm er den Schaukasten – und machte ihn zum Gedichtefenster. Jede Woche stellt er ein Poem aus oder präsentiert einen Gedanken.

„Diese poetische Umwandlung wurde im Haus mit Wohlwollen angenommen“, berichtet er dem Tagesspiegel. Auch die Reaktion der Passanten sei „großartig“. Die Leute seien überrascht, „weil kaum einer damit rechnete, in der Straße auf Lyrik zu treffen“. Doch jetzt fordert so mancher Fußgänger sogar einen neuen Text ein, „über den auch am Gartenzaun miteinander gesprochen wird“. Manchmal würden auch kleine Zettelchen mit Danksagungen am Kasten kleben: „Ich habe Ihren Text mehrere Male gelesen und freue mich immer wieder darüber. Haben sie Dank dafür.“ Der Kommentar des Künstlers: „Poesie besitzt eben diese leise Kraft, die viel nachhaltiger ist als der Lärm, der täglich auf uns eindringt.“

Es ist ein Angebot zur Reflektion, zum Innehalten, zum Langsamerwerden. Und zum Spazierengehen – Sie sollten die lyrische Leydenallee 82 in Ihre Routenplanung einbauen. Letzte Woche hing zum Beispiel ein Kommentar zum Wahlkampf im Lyrikfenster (meine Deutung, natürlich, was ist Ihre?):

Wie viel Geduld noch

Buchstaben verschwimmen
verlieren sich zerfleddert fast
in Worthülsen vor unseren Augen
sie sind in Worte gesetzt
auf lange Zeit schon
nun bäumen sie sich auf
zieren sich nicht
von innehalten ist nicht mehr die Rede
sie färben sich vor unseren Augen
verfärben sich in Schamesröte
gehen in die Knie und
überschlagen sich in rotem Zorn
sie sind es leid wäre die Antwort
auf die Frage warum
leid – sich uns immer wieder in
abnutzenden Wiederholungen
zu präsentieren
leid – in Worte auf Zeilen gesetzt
sich zu zeigen und von uns
vermeintlich beachtet in angeblich
gutem Willen gelesen zu werden
in der Hoffnung
uns damit den Anstoß
endlich zum Handeln zu geben

Aber zu wenig passiert
viel zu wenig verändert sich
vieles läuft was so nötig wäre ins Leere
der große Mut der wirkliche Wille
an entscheidenden Stellen zu handeln fehlt
wie viel Geduld erbitten wir noch
von den Buchstaben sich nicht ganz
in Unlesbarkeit aufzulösen
uns immer wieder wachzurütteln
uns doch noch zu überzeugen
dass wir nicht mehr nur reden müssen

  • Foto und Gedicht: Andreas Rössiger
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