Kultur

Für die Museums-Zukunft im Südwesten: Ein Bündnis für Wow-Effekte

Veröffentlicht am 27.09.2018 von Boris Buchholz

Der Tyrannosaurus Rex drehte sich zum Redner auf der Bühne, doch durch eine fließende Handbewegung lenkte der den Dinosaurier geschickt ab – wie in einem guten Horrorfilm durfte das Publikum kurz aufseufzen, die unmittelbare Gefahr für Ronald Liebermann war gebannt. Dafür wandte sich das altmodische, zähnenbesetzte und klauenüberversorgte Riesenbiest jetzt dem Publikum zu und drohte, Michael Pawlik, den Leiter der Wirtschaftsförderung Steglitz-Zehlendorf, zu fressen. Er hatte sich unvorsichtigerweise in die erste Reihe gesetzt. Doch Wirtschaftsfreund Pawlik kannte keine Angst, er winkte dem T-Rex sogar noch kokett zu. Atemlose Spannung – dann machte Technik-Guru Liebermann vom Start-up shoutr labs einen Screenshot des winkenden Pawliks vor den fossilen Zähnen und schaltete die Technik ab. Der Dino verschwand von der Bühne und ein Punkt war geklärt: Moderne Technik kann in einem Museum spannend sein.

Am Montagabend schloss sich im Vortragssaal der Dahlemer Museen ein Kreis: Im Dezember letzten Jahres hatte das Bezirksamt zur ersten Ideenwerkstatt Museen geladen, einer Veranstaltungsreihe, die eruieren sollte, was ein Museum von morgen ausmachen könnte. Ziel war es, Wissen und Fragen zu sammeln, um die Debatte um die Nachnutzung der Dahlemer Museen und um die Nachfolge für das AlliiertenMuseum auf ein höheres Niveau zu heben. Die vierte und letzte Ideenwerkstatt hatte die Digitalisierung und Neue Techniken als Themen. Noch bevor die Debatte am Montagabend begann, versprach Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) in ihrer Einführungsrede, dass alle Ideen aus den vier Veranstaltungen „in die Nachnutzungsdebatte einfließen werden“. Sie zog Bilanz: Auch in der museal-kulturellen Zukunft des Bezirks müssten Wow-Effekte, Partizipation, der Blick nach Europa und nach Potsdam große Bedeutungen haben. Aktuell müsse ein Museum sein und identitätsstiftend, es müsse ohne Frontalunterricht auskommen. Für einen „Forschungscampus“ wie ihn die Stiftung Preußischer Kulturbesitz vorschlage, „dafür ist der Museumsstandort Dahlem zu schade“. Warum nicht ein „Schaufenster Humboldtforum Dahlem“ an der Lansstraße schaffen, fragte die Bürgermeisterin.

Ein Humboldt-Ableger in Dahlem mag nach Zukunftsmusik klingen, aber: Der Ideen-Reigen ist wiedereröffnet. Dagegen ist das, was die vier Expertinnen und Experten an diesem Abend auf der Bühne vorstellten und diskutierten, schon umsetzbar. Ronald Liebermann sprach von Beacons (kleine Impulsgeber, die zum Beispiel Ihrem Smartphone sagen, dass Sie vor einer Vitrine stehen und jetzt doch bitte Ihr Telefon automatisch lossprechen dürfe), von WLAN (das in vielen alten Museums-Gemäuern schwer zu installieren ist), von Augmented Reality (der Dino auf der Bühne war so etwas) und gläsernen Besuchern. Bei allen technischen Möglichkeiten müsse aber zuerst eine Frage beantwortet sein, warf Uwe Moldrzyk, Leiter Ausstellung und Wissenstransfer am Museum für Naturkunde (die mit dem toten, aber echten T-Rex), ein: „Wann macht es Sinn, eine VR-Brille aufzusetzen?“ Er sagte auch, was er an der Digitalisierung nicht schätzt: „Wenn sie nicht zielgerecht eingesetzt wird.“

Um neue Wege gehen zu können, benötige es auch „Mitarbeiter mit einem Digital Mindset“, erklärte Bettina Gries, sie ist die Projektmanagerin Digitale Strategien des Deutschen Technikmuseums Berlin. Denn digitale Anwendungen zu entwickeln und einzusetzen, verändere auch den Arbeitsplatz, Hierarchien würden weniger wichtig. Ein Beispiel nennt Uwe Moldrzyk: Im Naturkundemuseum werde demnächst die Insektensammlung digitalisiert, und zwar öffentlich. Die Besucher können den Museumsmitarbeitern über die Schulter schauen, helfen, selber Hand und Auge anlegen. Bettina Gries fordert sich und ihr Team bei neuen Ideen immer wieder zu der Frage auf, ob „die Besucher das wirklich als angenehm empfinden“.

Obwohl das Futurium in Mitte, dem Stefan Brandt als Direktor vorsteht (noch ist es nicht eröffnet), ein Synonym für die Zukunft ist, setzt der Futuriums-Chef lieber auf Bewährtes: Statt auf Apps auf privaten Smartphones arbeitet sein Haus mit Audioguides und einer bewährten RFID-Technik. Die Besucher fänden das besser. Seinem Team und ihm gehe es nicht darum, eine digitale Leistungsshow zu zeigen. „Unsere Leitfrage ist, wie wollen wir leben?“, sagt er, Museen müssten kritisch reflektieren. Der Experte vom Naturkundemuseum stimmte ihm zu und ergänzt: „Die Technik kann helfen, das Erlebnis zu vertiefen.“ Oder eines zu schaffen. Jetzt nickte Futurologe Brandt: Sie seien dabei, „eine Wahlkabine zu erwerben, die am Gesichtsausdruck die Parteienpräferenz erkennt“. Ein Wow-Effekt. Für Bettina Gries sind moderne Museen Erlebnis- und Mitmachorte, Orte der Begegnung und Politik.

Sie merken, ich habe mich an diesem Abend begeistern lassen – wie bei jeder der immer hochkarätig besetzten Museums-Veranstaltungen zuvor. Leider ist das Interesse der Bürgerinnen und Bürger kontinuierlich geringer geworden: Kamen zur ersten Veranstaltung stolze 130 Zuhörerinnen und Zuhörer, waren dann nur noch 60, dann 50 und zuletzt 30 Interessierte im Saal. Die Diskussion, die jetzt folgt, muss wieder verstärkt den Bezirk im Fokus haben. Was bietet der Südwesten, was wollen Bürger und Politik, wie kann der Bezirk eine gute Verhandlungsbasis schaffen? In der ersten Ideenwerkstatt im Dezember 2017 bot Paul Spies, Direktor des Stadtmuseum Berlins (dazu gehört auch das Museumsdorf Düppel), der Bezirksbürgermeisterin an, gemeinsam für Mittel zu werben. Er sagte es klar: „Neben Visionen braucht man auch Geld.“ Ein Bündnis für Wow-Effekte im Südwesten wäre eine tolle Initiative – versierte potenzielle Mitstreiterinnen und Mitstreiter haben sich in den letzten Monaten dem Bezirk vorgestellt.

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