Kultur

Auf die nächsten 60 Jahre: Studentendorf Schlachtensee feierte 60. Geburtstag

Veröffentlicht am 12.12.2019 von Boris Buchholz

Auf die nächsten 60 Jahre: Studentendorf Schlachtensee feierte 60. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Zum Festaktwaren 200 geladene Gäste gekommen, darunter die Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) und der Präsident der Freien Universität, Günter M. Ziegler. „Das Studentendorf ist ein außergewöhnlicher Wohnort in Berlin“, sagte er. Die Freie Universität sei 1948 von Studierenden gegründet worden, es sei „eine Sternstunde der Demokratie“ gewesen. Dass elf Jahre später das Studentendorf hinzukam, finanziert mit 7,5 Millionen Deutschen Mark von den amerikanischen Steuerzahlern, sei dann nur passend und folgerichtig gewesen: Denn das Studentendorf sei „von Anbeginn ein multikultureller Ort des Wohnens und Lernens, in dem Demokratie lebendig und erfahrbar wurde“.

Entworfen haben es die Architekten Hermann Fehling, Daniel Gogel und Peter Pfankuch sowie der Gartenarchitekt Hermann Mattern. Von Anfang war klar – hier sollen die Bewohner Demokatie lernen und sich selber organisieren, eine Selbstverwaltung war fester Programmpunkt. Doch damit war nach der Studentenbewegung in den 1970-er Jahren Schluss; die Stiftung Studentendorf wurde aufgelöst, das Berliner Studentenwerk wurde der neue Träger. Als der Berliner Senat das Dorf aufgeben und Häuser und Grundstück einem Investor übertragen wollte, regte sich Widerstand: Anfang der 2000-er Jahre schlossen sich damalige und ehemalige Bewohner sowie weitere Unterstützer zusammen, stritten mit dem Senat, leisteten Überzeugungsarbeit und gründeten eine Genossenschaft, die 2003 das Ensemble kaufte – und bis heute erfolgreich betreibt.

Die Häuser waren dringend sanierungsbedürftig. 2006, in diesem Jahr wurde das Studentendorf zum Nationalen Kulturdenkmal erklärt, begann auch die Sanierung der Gebäude. Aktuell „sind 18 Gebäude aufwändig und denkmalgerecht wiederhergestellt“, erläutert Andreas Barz, der Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft. Als nächstes sei die Sanierung des Gemeinschaftshauses H14 geplant, das, so Barz, „zur Stadtkrone der Demokratie im Südwesten Berlins“ werden und zum Teil von den Neuen Kammerspielen Kleinmachnow bespielt werden soll. Laut Plan wird die Erneuerung des Studentendorfes 2023 abgeschlossen sein.

Für die grüne Politikerin Christa Markl-Vieto, sie ist eine ehemalige Bewohnerin und die Aufsichtsratsvorsitzende der Genossenschaft, war die Festveranstaltung zum Geburtstag „ein wunderbarer Abend“. Es habe Huldigungen gegeben und ein Versprechen sei eingegangen worden: Das „Juwel der Nachkriegsmoderne und des echten demokratischen Bauens“ sei ein Projekt, so Christa Markl-Vieto, „das auch die nächsten 60 Jahre für eine gelebte Demokratie einsteht, mit allen Unterstützer*innen und Partner*innen“.

Heute leben rund 900 Studierende auf dem Grundstück zwischen Wasgenstraße und Potsdamer Chaussee, sie stammen aus fast 100 Nationen. Meinem Kollegen Dennis Yücel sagte Andreas Barz vor einigen Tagen, dass das Studentendorf nicht nur wegen des angespannten Wohnungsmarktes dringend gebraucht werde: „Angesichts der antidemokratischen Bewegungen und autoritärer Regime, ist gelebte Demokratieerfahrung, wie sie das Studentendorf bietet, aktueller denn je.“ Im Dorf in Schlachtensee unterstützt die Form das gesellschaftliche Anliegen. „Das Studentendorf ist Architektur von Weltrang“, erklärt Genossenschaftsvorsitzender Barz. Und Christa Markl-Vieto ergänzt, es sei eine „schöne Erfolgsgeschichte“. In Adlershof hat die Genossenschaft 2014 ein zweites Studentendorf für 400 Bewohner errichtet – nach dem Vorbild in Schlachtensee. – Text: Boris Buchholz
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Zum Newsletter-Autor: Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer. Zwar wurde er in Wilmersdorf geboren, doch wuchs er in Lankwitz auf, besuchte in Steglitz das Gymnasium und wohnt in Zehlendorf. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@tagesspiegel.de