Kultur

Südwest-Theater: Pinocchio im Wald, aber definitiv kein Mogli im Gewächshaus

Veröffentlicht am 17.06.2021 von Boris Buchholz


Bei der Waldaufführung der Conrad-Grundschule: Pinocchio hat die Puppenbühne entdeckt – mitten im Düppeler Forst.

 

Da steht er, mitten im Westlichen Düppeler Forst in Wannsee, auf einem hügeligen Waldstück, mit langer Holznase zwischen den Kiefern – Pinocchio. „Meint ihr, ich soll da gucken, was dahinter ist?“, fragt er in die Runde der Kinder. „Ja“, rufen sie. „Ich trau mich nicht“, gibt er zu. Doch dann nimmt ihn ein Kind an die Hand – und sie entdecken gemeinsam, mitten im Wald wie gesagt, ein Puppentheater. Marionette trifft Marionetten, die Freude ist groß, der Lärm immens – und der ruft den Puppenspieler auf den Waldboden: „Wer stiftet denn da Unruhe auf meiner Puppenbühne?“, kommt er angestürmt. Und weil er ein Hammel braten möchte und Holz für ein Feuer braucht, „wird einer von euch das Holz unter meinem Hammel sein“. Er greift sich Pinocchio. Die anderen Puppen rufen: „Er ist doch noch so jung!“ und „Er hat doch noch überhaupt nicht richtig gelebt“. Der grimmige Puppenspieler muss niesen – ein gutes Zeichen. Denn immer, wenn er nicht weinen will, juckt ihn die Nase. Er niest und niest und ist gerührt. Und Pinocchio ist gerettet.

Waldpremiere. Um die 80 Erwachsene und Kinder stehen, spielen, sitzen, rufen, flitzen zwischen den Bäumen umher. Es sind die Eichhörnchen, die Waldklasse der Stufe 1-3 der Conrad-Grundschule, die zusammen mit der Theatercrew der Drehbühne Berlin aus Wannsee unter den Nadelbäumen zwei Theaterszenen erarbeitet haben. Zur Aufführung sind Eltern, Geschwister, Oma und Opa sowie sechs Hunde in den Wald gepilgert – es wird heftig applaudiert.

„Vor sechs oder acht Wochen sind wir zum ersten Mal zu den Kindern gekommen“, berichtet Nanda Ben Chaabane, die den Pinocchio spielt. Mit der einen Waldklasse wurden die Marionetten gebastelt, die größeren Kinder der zweiten Waldklasse, die Falken, kümmerten sich um die Masken. „Wichtig war, dass wir immer im Team gearbeitet haben“, berichtet die Schauspielerin, „das haben die Kinder ganz großartig gemacht“. Die Bühne wurde gebaut, großflächige Bilder gemalt, Requisiten erstellt.

Doch jetzt haben die Drehbühnen-Macher ein Problem: Gerne würden sie Bühnenelemente der Wald-Kinder „klauen“ und für ihre eigene Pinocchio-Aufführung am Ufer des Wannsees nutzen. „Wir sind noch in Verhandlungen, die Kinder wollen Geld“, erklärt Nanda Ben Chaabane. „Vielleicht können wir uns mit Freikarten freikaufen“, überlegt Schauspieler-Kollege und Drehbühne-Geschäftsführer Lorenz Christian Köhler laut. „Oder mit Eis“, ruft ein Elternteil unter den Bäumen. Lorenz Köhlers Augen leuchten als er sich dem Rufer zuwendet: „Es gibt da so ein Wunderfeld, da kann man Dinge vergraben …“

Die Arbeit mit den Kindern gehört zum Pinocchio-Konzept der Drehbühne. Das Theater entwickelt einen modernen Pinocchio, der von den Bildern des spanischen Surrealisten Antonio Saura inspiriert wird: Die Puppen, das Bühnenbild, die Kostüme, alles orientiert sich an den Zeichnungen, die der spanische Künstler für seinen damals zweijährigen Enkel kreierte. Zur Aufführung kommt die Pinocchio-Interpretation von Christine Nöstlinger. Mit den Kindern werden Ansätze und Szenen erarbeitet, die Anregungen und Erfahrungen fließen in die spätere Bühnenfassung ein.

Theater am Wannsee. Geplant ist, dass die Drehbühne das finale Theaterstück für Erwachsene und Kinder am letzten August-Wochenende auf der Wiese der Ronneby-Promenade, der Dampferanlegestelle am S-Bahnhof Wannsee, aufführen wird. Nach einigem hin und her bei den Zuständigkeiten sei das Theater mit Umweltstadträtin Maren Schellenberg im Kontakt. „Grundsätzlich wurde uns bisher weder grünes Licht gegeben, noch wurde uns eine Absage erteilt“, sagt Lorenz Köhler. „Wir warten noch auf die nächsten Schritte von Seiten des Bezirksamtes.“

Die Stadträtin steht dem Kultur-Vorhaben zwar prinzipiell positiv gegenüber. Aber der Spielort sei aus Sicht des Grünflächenam­tes problematisch, sagt Maren Schellenberg auf Nachfrage des Tagesspiegels. Das Publikum soll bis zu 100 Personen umfassen, das mache dem Amt Sorgen. Bei der Ronnebypromenade handele es sich um eine Grünanlage der höchsten Pflegekategorie. „Es besteht dort ‚Zierrasen‘ und nicht etwa eine Liege- oder Spielwiese“, erläutert die Stadträtin. Es würden höchste Maßstäbe an den Zustand der Vegetationsflächen angelegt, zudem sei die Rasenfläche nicht belastbar: Unter ihr verlaufen die Leitungen für die Beregnungsanlage. „Eine Lösung für die Probleme ist leider bisher noch nicht wirklich in Sicht“, sagt sie: „Wir überlegen aber weiter, ob und wie wir hier weiter kommen können.“ Die Drehbühne muss abwarten.

Pinocchio am Wannseeufer in der Warteschleife – und auch Mogli hat Probleme. Die Pandemie hat den Spielbetrieb gestoppt, langsam geht es bei der Drehbühne wieder los, Planungen machen wieder Sinn. Und bleiben machmal dennoch fruchtlos: Bereits zwischen 2016 und 2018 hatte die Drehbühne die Theater-Safari „Das Dschungelbuch“ in den Tropenhäusern des Botanischen Gartens aufgeführt, „sehr erfolgreich“, sagt Theatermann Lorenz Köhler. Gerne würden sie das Projekt wiederbeleben und weiterentwickeln. Aus dem Sofortprogramm „Neustart Kultur“ der Kultursenatsverwaltung stünden Mittel für eine neue Inszenierung der Geschichte von Mogli im Gewächshaus-Urwald zur Verfügung – die Idee der Drehbühne ist, das Stück aufzuzeichnen, „um es dann als digitale Stream-Aufführung auf dem Handy beim Rundgang im Botanischen Garten anbieten zu können“.

Doch vor wenigen Tagen kam die Absage: „Leider haben mir die Verantwortlichen des Botanischen Gartens gerade für dieses Jahr abgesagt.“ Da die Förderung des Mogli-Projekts auf das laufende Jahr begrenzt sei, sucht die Drehbühnen-Crew jetzt nach einem botanischen Ersatzstandort, auch außerhalb von Berlin. „Es gibt sicher den einen oder anderen Botanischen Garten, der sich über solch ein vollfinanziertes Projekt freut“, ist sich der Drehbühnen-Geschäftsführer sicher.

Im Wald ist derweil die Umbaupause beendet, die Eichhörnchen rufen rhythmisch klatschend das Publikum wieder herbei. Szene zwei steht an. Pinocchio liegt auf dem Waldboden, er schläft – und träumt. Eine Kalimba, Handtrommeln, später kommt ein Akkordeon dazu, machen den Alptraum erlebbar. Einige Kinder seufzen, glucksen, atmen schwer in ein Mikrofon, die Töne werden verzerrt und verstärkt. Andere Musiker scheinen mit matt silbernen Klangstäben werfen zu wollen – sie holen weit aus, der Arm schnellt nach vorne, ein Ton erklingt. Die Geräte heißen ToneChimes, „man wirft den Ton einfach in den Wald“, erklärt Theatermusiker Falk Schönfelder. Zusammen mit den Kindern hat er die Traumsequenz erarbeitet, die düsteren Laute nehmen zu und ab, verstummen; die geworfenen Töne verschwinden langsam hinter den Bäumen. Und Pinocchio erwacht.

Text: Boris Buchholz
Foto: Hans-Gerrit Plessen
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