Kultur

Queere Kunst im Knast: Pride Art zieht im Frauengefängnis ein

Veröffentlicht am 24.03.2022 von Boris Buchholz

Mehr Energie kann kaum in einer Szene stecken: Maler Lars Deike hat sich auf das Geländer im ersten Stock des ehemaligen Frauengefägnisses in der Lichterfelder Soehtstraße 7 gestellt – Turnschuhe, Sweatjacke, kurze graue Haare und wie immer das Handy in der Hand. Die weit ausgebreiteten Arme signalisieren zweierlei: Schaut euch diesen tollen Ort an! Und: Kommt her, ihr seid willkommen! Hinter ihm sind Eventmanager Sascha M. Stuhldreher und Mirko Drescher, „ich bin der, der die Bohrmaschine bedienen kann“, nicht weniger engagiert. Pure Freude und Gestaltungskraft, Bock auf Neues. Künstlerinnen und Künstler haben den Block C des alten Frauenknasts übernommen.

In den hinteren Zellentrakt des Ex-Gefängnis‘ zieht das queere Kunstprojekt Pride Art ein. Fünf Jahre lang hatte Projekt-Initiator Lars Deike sein Atelier in einer 150 Quadratmeter großen Fabrikhalle in der Nähe des Ostkreuzes eingerichtet. Er suchte die Zusammenarbeit mit der nationalen und internationalen Szene, lud schwul-lesbische Kreative ein, daraus entstand Pride Art: Die erste Gruppenausstellung kam 2019 zustande, und es folgten viele weitere. Weil das Atelier aufgegeben werden musste, suchte er nach einem neuen Ort für sich und Pride Art – und wurde in Lichterfelde fündig. Seit Februar hat sich Pride Art sogar einen festen organisatorischen Rahmen gegeben: Die Künstlergemeinschaft wurde zum gemeinnützigen Verein.

Keine unwichtige Entscheidung, schließlich soll für den Zellentrakt ein Mietvertrag über zehn Jahre unterschrieben werden. Noch sei der Vertrag nicht unterschrieben, aber das Projekt werde kommen, ist sich Lars Deike sicher. Auch für das inhaltliche Konzept von Pride Art ist die Vereinsgründung eine wichtige Voraussetzung. Denn der Verein vermietet einen Großteil der insgesamt 47 Gefängniszellen weiter: 28 Künstlerinnen und Künstler haben in den vergitterten Räumen Platz. Manche der Zellen sind nur wenige Quadratmeter groß, bei anderen wurden zwei oder drei der kleinen Räume zusammengelegt – die Zelle von Lars Deike ist so eine.

Einige seiner Bilder sind schon im Knast angekommen. Aber: „Ich kann im Moment nicht malen – jetzt bin ich Kurator, Organisator und Galerist.“ Und Erklärer des Projekts. Es soll eine Kunstgemeinschaft entstehen, alle zwei Monate finden gemeinsame Ausstellungen der Knast-Künstler statt, auch externe Kunstschaffende sind dazu eingeladen. Um Raum für die Ausstellungen zu gewinnen, müssen die Mieterinnen und Mieter dann kurzzeitig ihre Kunstzellen ausräumen; extra Abstell-Zellen sind dafür vorgesehen, alles Material sicher zu verstauen. Daraus folgt als Voraussetzung für am Einzug interessierte Mieter: „Es müssen Künstler sein, die sich in die Gruppe integrieren.“ Und noch ein weiteres Kriterium müssen künftige freiwillige Gefängnisinsassen erfüllen – sie müssen zur LGBTI*-Community gehören. Pride Art soll ein „geschützter Raum für schwul-lesbische Künstler sein“, so Lars Deike. „Es gibt genug Räume in der Stadt für die Hetero-Freunde“, findet er. „Aber natürlich sind wir froh, wenn viele uns besuchen kommen.“

Neben der Kunst gibt es gleich eine Reihe von Gründen, Pride Art und dem ehemaligen Frauengefängnis einen Besuch abzustatten. Das alte und denkmalgeschützte Gefängnis ist ein architektonischer Hingucker, die lichtdurchflutete mehrgeschossige Galerie, die von den Zellen gesäumt wird, macht Eindruck. Beim Besuch vor Ort schien die Sonne in den großen Raum, die Pride-Art-Crew hatte eine große Ukraine-Fahne aufgehängt, die vom zweiten Obergeschoss bis in das Erdgeschoss reichte. Die Zellen im Erdgeschoss werden nicht an Künstler vergeben, aber queere Kunst wird auch hier an den Wänden hängen: Ein Pop-up-Fine-Dining-Restaurant soll einziehen.

Betrieben werden soll das Restaurant vom Besitzer des Knastes, Joachim Köhrich, und seiner Partnerin Janina Atmadi. Ihm gehören unter anderem die Heckmann-Höfe in Mitte, sie ist Geschäftsführerin des Restaurants „theNoName“ in der Oranienburger Straße. Im Juni 2017 hatte das Unternehmerpaar das Gefängnis von Vorbesitzer Jochen Hahn gekauft. Neben dem Restaurant soll im „The Knast“, so heißt das Projekt offiziell, auch noch ein Hotel und ein Veranstaltungsort entstehen – im Kuppelsaal haben früher die Häftlinge gebetet und ihre Freizeit verbracht. Zur Zeit wird der vordere Gebäudekomplex noch umgebaut.

Die Pride-Art-Leute freuen sich schon auf die Erweiterung der Möglichkeiten. Konzerte, Lesungen und andere Veranstaltungen könnten später im Kuppelsaal stattfinden. Die geplante schwule Oper soll jedoch wohl im Freien aufgefürt werden – der große und grüne Hofgarten bietet sich dafür an. „Der Zellentrakt soll ein queeres Kunst- und Kulturprojekt werden“, sagt Maler Ken Borg, „ein Safe Space“. Malerei, Fotografie, Skulpturen – vieles sei möglich. Allerdings müsse auch die Inhalte der Kunst zum Gesamtkonzept passen – bei Themen wie „Fetisch“, „Unbound“, „Obsessions“ oder „Sister Act“ könnte ein Blumen-Obst-Stillleben neben Männerakten, BDSM-Szenen und Frauenkörpern in der Gemeinschaftsausstellung auffällig unpassend wirken.

Warum sich ein schwul-lesbisches Kunstprojekt gerade für das brave Lichterfelde entschieden habe? Zum einen habe auch das bisherige Domizil in Lichtenberg nicht im Hotspot des Regenbogens rund den Nollendorfplatz gelegen. Und außerdem: „Der Knast ist so zentral, dass man ihn gut erreichen kann“, antwortet Ken Borg. Überraschend. Zum Beweis zeigt das Pride-Art-Team eine eigens gefertigte Karte des Nahverkehrs – sie machen die Buslinie M85 zur Kulturlinie. Vom Hauptbahnhof über den Potsdamer Platz und den U-Bahnhof Bülowstraße bis hin zum Innsbrucker Platz und Rathaus Steglitz sei der Knast mit der bunten, queeren Welt der Innenstadt gut verbunden. Auf der ersten Einladung nach Lichterfelde ist der Weg zur Kunst im Knast kurz so beschrieben: „M85: Bülowstr. to Bäkestr.“.

Tage der offenen Zellen. Zu Ostern öffnet die wachsende Künstler-Gemeinschaft die Zellentüren: Vom 13. bis 18. April wird die Gemeinschaftsausstellung „Primal Matter“ gezeigt. Tagsüber wird Kunst von über 30 Künstlerinnen und Künstlern gezeigt, abends stehen Veranstaltunge wie „Live Nude Drawing – Live Nude Foto Shooting“, eine queere Filmnacht mit Stargast, eine Modenschau und ein Fetisch-Kammer-Konzert auf dem Programm. Zugesagt haben für Ostermontag auch die „Rosa Kavaliere“, die im Kuppelsaal singen werden. Die Ausstellung und Führungen finden kostenfrei statt, bei den Abendveranstaltungen muss Eintritt gezahlt werden. Das gesamte Programm finden Sie hier.

Nutzen Sie die Ostertage, um die Pride-Art-Crew und das Frauengefängnis in der Soehtstraße 7 kennenzulernen. Es ist ein faszinierender und inspirierender Ort, der nun vor Leben nur so überquillt. Lebensfreude pur trifft auf Gitterstäbe – ein Muss für den neugierigen Flaneur. Übrigens freuen sich die Künstlerinnen und Künstler nicht nur über viele Gäste, sondern auch über Vereinsmitglieder, Unterstützer und – Mieter. Eine Künstler-Zelle soll je nach Größe in Lichterfelde zwischen 190 und 300 Euro im Monat kosten, ab Mai können Sie die Zelle Ihrer Wahl beziehen. Auch an den Nachwuchs ist gedacht: Pride Art vergibt ein Stipendium für junge Kreative, Jahresmiete für eine Zelle inklusive. Maler und Pride-Art-Gründer Lars Deike fasst den Stand der Dinge so zusammen: „Der Spielplatz ist da, er muss jetzt nur noch gefüllt werden.“