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Ein Jahr neue Bauordnung: Barrierefreies Bauen ist bei vielen Experten im Bezirk noch nicht angekommen

Veröffentlicht am 04.01.2018 von Boris Buchholz

„Wenn ich Leute anspreche, weil ich in der Zugänglichkeit Defizite sehe, mache ich die Erfahrung, dass Mitarbeiter und Betreiber sich sperren und oft ein wenig feindlich eingestellt sind“, sagt die Zehlendorferin Beate von Zahn. Sie ist Architektin und Sachverständige für barrierefreie Stadt- und Gebäudeplanung. Durch ihren Heimatbezirk geht sie mit einem wachen Expertenblick. Eine große Schwachstelle seien bei öffentlich zugänglichenen Einrichtungen, dass nicht selten eine vermeintlich behindergerechte Toilette nicht für Behinderte nutzbar ist. Zum Beispiel weil links und rechts neben der Toilette die Stützgriffe fehlten oder die Notrufschnur für einen gestürzten WC-Benutzer nicht erreichbar sei. Oder die Tür sei für einen Rollstuhlfahrer zu schmal, im WC-Raum bestünde kein Platz zum Wenden, der Raum würde auch als Abstellraum benutzt.

Macht sie die Mängel öffentlich, etwa auf Facebook, dann erfahre die Inklusionsexpertin zwar oft Zuspruch – doch auch Anfeindungen und Beschimpfungen. Mancher Facebook-Nutzer werfe ihr vor, betroffene Restaurants zu denunzieren und zu diskriminieren, wenn sie auf die bauliche Ausgrenzung von Menschen im Rollstuhl oder am Rollator hinweise.

Seit genau einem Jahr gilt die neue Bauordnung Berlins. In ihr ist im Paragraph 50 klar geregelt, dass „bauliche Anlagen, die öffentlich zugänglich sind, … in den dem allgemeinen Besucher- und Benutzerverkehr dienenden Teilen barrierefrei sein“ müssen. In der Praxis würde zwar zwischen Neubauten und Bestandseinrichtungen unterschieden werden (man muss abwägen, was im Bestand umsetzbar ist) – doch der gesetzliche Anspruch der Zugänglich- und Nutzbarkeit für Alle gilt in Berlin.

Eigentlich: Denn zum einen sei das Thema „Barrierefreies Bauen“ bei vielen Architekten „noch nicht angekommen“, erklärt Architektin von Zahn, die selber Weiterbildungen für ihre Kollegen anbietet. Außerdem würden viele Planer fürchten, durch die Barrierefreiheit ihre Kunst einzuengen. Doch auch in den Bezirksämtern achten viele Mitarbeiter nicht ausreichend auf das hürdelose Bauen. Aus ihren Gesprächen mit Fachkollegen zieht von Zahn das Fazit, dass die seit einem Jahr geltenden Bestimmungen teilweise unbekannt sind: „Eine neue Bauordnung, das ist so ähnlich wie Schnee in Berlin: Oh Gott, wo kommt die denn so plötzlich her?“

Positiv erlebt die Expertin im Bezirk viele Geschäfte am Teltower Damm: „Sie kommen ebenerdig ins Gebäude.“ Sehr gelungen findet sie auch den Umbau der Curtius Apotheke in Lichterfelde West. Unzufriedenstellend sei zum Beispiel der Zugang zum Bürgeramt im Rathaus Zehlendorf: „In das Bürgeramt kommen Sie eigentlich vorne an der Eiche am Teltower Damm; und der rollstuhlgerechte Eingang ist ganz hinten an der der Kirchstraße über den Anbau.“ Hier sei Denkmalschutz mit Barrierefreiheit kollidiert.

Boris Buchholz

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