Namen & Neues

Neue Nachbarn: Wohnungen zu finden, ist für geflüchtete Menschen das größte Problem

Veröffentlicht am 11.05.2018 von Boris Buchholz

Während wir im Garten der Schwartzschen Villa Cappuccino und weißen Kaffee tranken, habe ich viel gelernt: Drei Aktive des Willkommensbündnisses für Flüchtlinge Steglitz-Zehlendorf füllten freundlich meine Wissenslücken. Wer nach Deutschland flieht, muss das erste halbe Jahr in einer Not- oder Gemeinschaftsunterkunft leben. Dann können die Bewohner aus den beengten Räumlichkeiten mit wenig Privatsphäre, Lärm, Gemeinschafts-Küchen und -Toiletten ausziehen. Können. Wenn sie denn ein Zimmer oder eine Wohnung finden würden. „In diesem Jahr haben wir noch keine einzige Wohnung vermittelt“, berichtet Günther Schulze, einer der Sprecher des Willkommensbündnisses. Letztes Jahr habe das Bündnis einige Wohnungsangebote von Bürgerinnen und Bürgern erhalten: Die ehrenamtlichen Helfer gaben die Information weiter und sichteten die Bewerbungen vor. „Wenn sich eine siebenköpfige Familie auf eine Zwei-Zimmer-Wohnung bewirbt …“, fängt Bündnis-Frau Franziska Merkel-Anger zu reden an. „… oder jemand einfach nur seine Wohnung zu schattig findet“, fällt Günther Schulze ein, dann würden deren Bewerbungen aussortiert.

Die größten Schwierigkeiten neuen Wohnraum zu finden, hätten kinderreiche Familien und junge Männer, erklären mir die Willkommens-Experten. Gerade Letztere bereiten den Helfern große Sorgen: Solange unbegleitete Flüchtlinge minderjährig seien, würden sie in Jugendeinrichtungen oder betreuten Wohngemeinschaften untergebracht. Doch wer 18 Jahre alt wird, muss ausziehen. Günther Schulze: „Wenn sie Glück haben, haben sie einen Paten und dann stehen sie bei uns in der Sprechstunde. Wenn nicht, stehen sie am Alexanderplatz.“

Darum sucht das Willkommensbündnis nach privaten Zimmern und Wohnungen. Wer eine große Wohnung und freien Raum habe (zum Beispiel weil die Kinder ausgezogen sind), könne überlegen, unterzuvermieten. Franziska Merkel-Anger, Günther Schulze und Ursula Breidbach bieten an, dass das Bündnis bei der Auswahl der Bewerber und dem Kennenlernen helfen könnte. Über 4.000 Helferinnen und Helfer habe das Willkommensbündnis im Verteiler, vom Dolmetscher über Fahrdienste bis hin zu Möbeln könne es Unterstützung leisten.

Die drei vom Bündnis weisen mich ausdrücklich darauf hin: Es kann nicht nur ein gesellschaftlich wünschenswerter, sondern auch ein den eigenen Geldbeutel deutlich entlastender Akt sein, an Geflüchtete (unter-) zu vermieten (wann hört man eigentlich auf, Flüchtling zu sein?). Sofern die Neu-Berliner kein Geld verdienen, übernimmt je nach Aufenthaltsstatus entweder das Landesamt für Flüchtlingsfragen (bei Duldung und Aufenthaltsgestattung) oder das Job-Center (bei einer Aufenthaltserlaubnis) den Mietzins, nur „angemessen“ muss er sein. Außerdem würden die „alten“ Nachbarn von den „neuen“ profitieren. „Die Welt kommt zu uns“, sagt Ursula Breidbach. Man würde viel über fremde Länder und Kulturen, aber auch über sein eigenes Land lernen. Franziska Merkel-Anger – „ich bin ein Reisemuffel“ – stimmt zu und sagt dann: „Ich wusste peinlicherweise gar nicht, dass man im Islam einen anderen Kalender führt.“ (Den „interkulturellen Kalender“ des Berliner Integrationsbeauftragten können Sie hier herunterladen.)

Wer eine Wohnung oder ein Zimmer vermieten möchte, kann per E-Mail unter info@wikobuesz.berlin oder per Telefon unter 0176 /  77 68 85 16 mit dem Willkommensbündnis Kontakt aufnehmen.

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